In Moskau feierte man am 9. Mai mit großem Pomp den Tag des
Sieges über das nationalsozialistische Deutschland, welches bereits am
8. Mai 1945 bedingungslos kapituliert hatte. Nach der Lesart des
sowjetischen und des neoimperial-russischen Narrativs begann dieser
Weltkrieg am 22. Juni 1941, dem Tag, an dem Hitler die Sowjetunion
überfiel. In vielen Ländern Mittel- und Osteuropas, erinnert man sich anders. Dort ist der 1. September 1939 präsent. Deutschland und die UdSSR, verbunden und verbündet durch den Hitler-Stalin-Pakt, der nicht nur ein Nichtangrifspakt war, sondern in einem geheimen Zusatzprotokoll die Aufteilung jenes Raumes im Osten Europas regelte, für den der Historiker Timothy Snyder später den Begriff "Bloodlands" prägen sollte.
Aber auch in Westeuropa reicht die Erinnerung an den 2. Weltkrieg weiter
als im Moskau dieser Tage. Der 9. Mai gilt hier ebenfalls als Schicksalstag. Am 9. Mai 1940
gab Hitler den finalen Befehl zum sogenannten Plan Gelb: In der Nacht
vom 9. auf den 10. Mai marschierten deutsche Verbände in den
Niederlanden, Belgien und Luxemburg ein, um auf diesem Wege Frankreich
zu erreichen. Hitler war dieser Angriff mit der gesamten Macht der
deutschen Militärmaschinerie nur möglich, da er durch den
Hitler-Stalin-Pakt abgesichert und durch die folgenden Aufteilung
Osteuropas begünstigt sich auf nur eine einzige Front konzentrieren
konnte. Winston Churchill in seinen Erinnerungen: "Am 10. Mai 1940
war die Lage wesentlich anders. Der Feind hatte sich die Muße von acht
Monaten und die Vernichtung Polens zunutze gemacht, hatte etwa 155
Divisionen bewaffnet, ausgerüstet und ausgebildet, darunter zehn
Panzerdivisionen. Hitlers Verständigung mit Stalin hatte es ihm
ermöglicht, die deutschen Streitkräfte im Osten auf ein Mindestmaß
herabzusetzen".
Am 22. Juni 1940 musste das geschlagene Frankreich
den Waffenstillstand unterzeichnen. Grossbritannien stand in der Folge
allein gegen Hitler und kämpfte um sein Überleben. Die Sowjetunion
befand sich in dieser Zeit gegenüber dem Vereingten Königreich in einem
Zustand "feindseliger Neutralität Hitler tätige Hilfe leistend", wie
Churchill es zurückhaltend nannte. Den Titel "Allein" aber nicht ohne
Grund wählte Winston Churchill für das zentrale Kapitel seiner
Kriegserinnerungen, welches den Zeitraum vom 10. Mai 1940 bis zum 22. Juni 1941 behandelt.
Noch immer leidet Europa an geteilter
Erinnerung, an nationalistischen Mythen und an verdrängter Schuld.
Europa braucht eine geteilte Erinnerungskultur, die den Schrecken des
Krieges verdeutlicht und Lehren für die Zukunft zulässt. Nie wieder
Krieg, nie wieder Faschismus. Das muss mehr sein als ein
Lippenbekenntnis. Und mehr als eine Projektionsfläche für nationale (und nationalistische) Mythen.