Consummatum est. Helmut Schmidt hat sich um sein Land verdient gemacht. Dafür gebührt ihm unser Dank. Und dieser Dank kommt zum Ausdruck. Die radikale Linke hat sich bis zum Ende nicht mit ihm versöhnen können. Menschen aber, deren Heimat die politische Mitte ist, bekunden mit großer Anteilnahme ihre Sympathie für den Weltstaatsmann. Ähnliches trifft zu für die bürgerlichen Konservativen. Habituell war ihnen dieser Mann wohl näher als alle seien Nachfolger und vielleicht sogar vertrauter als die meisten seiner damaligen Gegenkandidaten. Ist mit Helmut Schmidt der letzte deutsche Konservative abgetreten? Man kann es sicher so sehen und viele werden es so sehen. Man darf es auch so sehen. Vieles, was Menschen in diesen Tagen über den verstorbenen Helmut Schmidt sagen, wollen sie letztendlich über sich selbst und ihre Zeit sagen. Diese Identifikation kann manchmal durchaus zu einer Art von unbeachsichtigter Vereinnahmung führen. Aber was soll schädlich daran sein.
Manche aber, die heute aus guten Gründen Helmut Schmidt als grossen Staatsmann würdigen, sollten in einer ruhigen Minute darüber nachdenken, ob Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht auch wenigstens einen Bruchteil dieser Anerkennung verdiente. Auch sie ringt in Krisen um Lösungen, auch sie appelliert an Verantwortung und Pflichtgefühl, auch sie führt durch ihr Vorbild. Wie bei Helmut Schmidt geht es auch bei Frau Merkel nicht darum, alles zu goutieren, was die Kanzlerin sagt oder tut. Ihre Rolle als Staatsfrau, und die grosse Last, die damit einhergeht, aber darf man anerkennen. Das ist nicht zuletzt auch eine Frage des Respekts, gegenüber dem Amt wie gegenüber dem Amtsträger. Und diesen Respekt vermisse ich in diesen Tagen mitunter.
Willkommen auf dem persönlichen Blog von Philipp Freiherr von Brandenstein: Schwerpunktthemen sind die politische Kultur in Deutschland und Europa, insbesondere die deutsche und internationale Politik sowie die Themen Sicherheit und Verteidigung, Freiheit und Vielfalt sowie die Zukunft der offenen Gesellschaft.
Mittwoch, 11. November 2015
Donnerstag, 29. Oktober 2015
Pirinçci: Keine Distanzierung seitens der "Achse des Guten"
Das Blog "Achse des Guten" verlautbarte einige Tage nach der Pegida-Demonstration von Dresden etwas schmallippig:
"Auf vielfache Nachfrage zu Akif Pirincci: Der Schriftsteller Akif Pirincci publizierte in den Jahren 2012 und 2013 auch auf der Achse des Guten. Es gab dann mit den Herausgebern und anderen Autoren Differenzen über seine Texte. Ton und Inhalt von Pirinccis Beiträgen passten nicht mehr zur Achse des Guten. Seitdem wurden keine Beiträge von Akif Pirincci mehr veröffentlicht. Alte Texte von Pirincci sind - wie die aller anderen Autoren auch - weiterhin im Archiv auffindbar."
"Auf vielfache Nachfrage zu Akif Pirincci: Der Schriftsteller Akif Pirincci publizierte in den Jahren 2012 und 2013 auch auf der Achse des Guten. Es gab dann mit den Herausgebern und anderen Autoren Differenzen über seine Texte. Ton und Inhalt von Pirinccis Beiträgen passten nicht mehr zur Achse des Guten. Seitdem wurden keine Beiträge von Akif Pirincci mehr veröffentlicht. Alte Texte von Pirincci sind - wie die aller anderen Autoren auch - weiterhin im Archiv auffindbar."
Auf Kritik an Pirinçci wird also verzichtet, auf eine klare
Distanzierung offenbar auch. Die angeblich nicht mehr passenden Beiträge
von Pirinçci (z.B. „Das Schlachten hat begonnen“, ein Stück, in dem
Pirinçci behauptet, in Deutschland ereigne sich ein von Migranten
organisierter Massenmord an der deutschen Bevölkerung. Auch seien die
meisten Vergewaltiger in Europa Muslime) passen immer noch ins Archiv
der Achse des Guten.
Dazu passt auch, dass das Blog weiterhin nicht nur die Aussagen von Pirinçci selbst relativiert (siehe der Beitrag von Boris Kaiser), sondern letztlich die gesamte Pegida-Bewegung verteidigt, ja sich in Teilen sogar mit ihr identifiziert. Wie schreibt Achse-Autorin Vera Lengsfeld an besagter Stelle: "Nicht Pegida spielt mit dem Feuer, von Pegida hört man differenzierende Standpunkte, die man bei Politik und Medien so schmerzlich vermisst."
Da bleiben doch einige Fragen offen.
Dazu passt auch, dass das Blog weiterhin nicht nur die Aussagen von Pirinçci selbst relativiert (siehe der Beitrag von Boris Kaiser), sondern letztlich die gesamte Pegida-Bewegung verteidigt, ja sich in Teilen sogar mit ihr identifiziert. Wie schreibt Achse-Autorin Vera Lengsfeld an besagter Stelle: "Nicht Pegida spielt mit dem Feuer, von Pegida hört man differenzierende Standpunkte, die man bei Politik und Medien so schmerzlich vermisst."
Da bleiben doch einige Fragen offen.
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Seehofers Ultimatum
Wie viele Ultimaten hat Seehofer der Kanzlerin schon gestellt? Wie viele
rote Linien hat Seehofer ihr schon gezogen? Mit dem Zählen dieser
präpotenten Drohgebärden kommt niemand mehr nach. Bis jetzt hat er
jedesmal zurückgezogen und zwar auf voller Linie. Irgendwann aber
verbraucht sich dieses Vorgehen in all seiner Redundanz und
Erwartbarkeit. Irgendwann stellen Menschen die Frage, ob und wann doch
einmal Konsequenzen gezogen werden. Und dann wird es eng. Denn an dem
Tag, an dem die CDU auch in Bayern zu Wahlen antritt, ist die CSU als
bürgerliche Volkspartei nur noch Geschichte.
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Dienstag, 20. Oktober 2015
Pirinçci und Pediga - Ein neuer trauriger Höhepunkt
Die Staatsanwaltschaft Dresden ermittelt gegen den Autor Akif Pirinçci wegen dessen fremdenfeindlicher Rede auf der Pegiga-Kundgebung in Dresden. Auch die Verlage des Autors (Goldmann, Diana, Heyne) reagierten mit "großer Bestürzung" auf den teils mit Beifall quittierten Redebeitrag Pirinçcis, in dem dieser unter anderem bedauerte, dass die Konzentrationslager nicht mehr in Betrieb seien. Die Verlage werden die (nach Verlagsangaben ausschließlich unpolitischen) Bücher von Akif Pirinçci künftig aus ihrem Programm nehmen.
Bestürzung darf man angesichts dieser Radikalisierung in der Tat äußern, eine große Überraschung stellen die Aussagen von Akif Pirinçci hingegen nicht dar. Den Pegida-Organisatoren war völlig klar, wenn sie sich hier ans Rednerpult holten. Vielleicht erinnert sich noch jemand an den Hass-Text „Das Schlachten hat begonnen“ von Akif Pirinçci. Damals versuchte der Autor ganz ernsthaft, die These zu streuen, in Deutschland ereigne sich ein von Migranten organisierter Massenmord an der deutschen Bevölkerung. Auch seien die meisten Vergewaltiger in Europa Muslime. Ich habe diesen unsäglichen Beitrag, der auf dem Portal "Achse des Guten" erschien und dort immer noch zu finden ist, in einem Beitrag für das MiGAZIN kritisiert (http://www.migazin.de/2013/05/07/macht-die-achse-guten/). Pirinçci ist sich in seiner ostentativen Menschenverachtung aber offenbar treu geblieben und seine Aussage „aber die KZs sind ja leider derzeit außer Betrieb“ stellt nur einen weiteren traurigen Höhepunkt seiner bisherigen Äußerungen dar.
Pirinçci ist nicht der Einzige, der in seiner Selbstenthemmung immer weiter geht. Denn auch Pirinçci wusste mit welcher Art von Publikum er es hier zu tun hatte. Seine Ansprache war an ein Publikum gerichtet, das Flüchtlinge pauschal als Kriminelle und die Politiker der "Systemparteien" als "Hochverräter" oder "Volksverräter" stigmatisiert. Und den (noch symbolischen) Galgen, um diese Hochverräter zu richten, führte man auf einer der letzten Pegida-Demonstrationen gleich mit. Vor diesem Hintergrund war Pirinçcis Rede zwar verbrecherisch und menschenverachtend, wohl aber leider auch zielgruppengerecht.
Bestürzung darf man angesichts dieser Radikalisierung in der Tat äußern, eine große Überraschung stellen die Aussagen von Akif Pirinçci hingegen nicht dar. Den Pegida-Organisatoren war völlig klar, wenn sie sich hier ans Rednerpult holten. Vielleicht erinnert sich noch jemand an den Hass-Text „Das Schlachten hat begonnen“ von Akif Pirinçci. Damals versuchte der Autor ganz ernsthaft, die These zu streuen, in Deutschland ereigne sich ein von Migranten organisierter Massenmord an der deutschen Bevölkerung. Auch seien die meisten Vergewaltiger in Europa Muslime. Ich habe diesen unsäglichen Beitrag, der auf dem Portal "Achse des Guten" erschien und dort immer noch zu finden ist, in einem Beitrag für das MiGAZIN kritisiert (http://www.migazin.de/2013/05/07/macht-die-achse-guten/). Pirinçci ist sich in seiner ostentativen Menschenverachtung aber offenbar treu geblieben und seine Aussage „aber die KZs sind ja leider derzeit außer Betrieb“ stellt nur einen weiteren traurigen Höhepunkt seiner bisherigen Äußerungen dar.
Pirinçci ist nicht der Einzige, der in seiner Selbstenthemmung immer weiter geht. Denn auch Pirinçci wusste mit welcher Art von Publikum er es hier zu tun hatte. Seine Ansprache war an ein Publikum gerichtet, das Flüchtlinge pauschal als Kriminelle und die Politiker der "Systemparteien" als "Hochverräter" oder "Volksverräter" stigmatisiert. Und den (noch symbolischen) Galgen, um diese Hochverräter zu richten, führte man auf einer der letzten Pegida-Demonstrationen gleich mit. Vor diesem Hintergrund war Pirinçcis Rede zwar verbrecherisch und menschenverachtend, wohl aber leider auch zielgruppengerecht.
Sonntag, 18. Oktober 2015
Rechter Terrorismus
Ein Einzeltäter habe das Messerattentat auf die künftige Kölner Bürgermeisterin Henriette Reker begangen. Wieder einmal nur ein Einzeltäter? Kann man diese These nach Monaten und
letztlich gar Jahren rechtsradikaler Selbstenthemmung wirklich noch
vertreten? Auch noch nachdem der Attentäter den Beifall der rechten
Szene findet? Darf man diesen Akt politischer Gewalt tatsächlich
derart dekontextualisieren?
Sehen wir den Tatsachen ins Auge: In Deutschland marschieren Neonazis seit einigen Jahren wieder öffentlich auf, entweder als Initiatoren von vermeintlich spontanen Unruhen, als Veranstalter von Umzügen und Kundgebungen oder als geduldete Teilnehmer in fremdenfeindlichen Demonstrationen. Auf einigen dieser Demonstrationen mit tausenden Teilnehmern wird immer wieder zu Hassverbrechen gegen Flüchtlinge, zu Gewalt gegen Regierungsmitglieder und teils zu brutaler Lynchjustiz aufrufen. In Internet passiert das sogar tagtäglich. Kann man tatsächlich noch von einem "Einzeltäter" sprechen, wenn schließlich einer dieser Menschen jenen Gewaltakt tätlich ausübt, der in den Foren-Beiträgen von Rassisten und Verschwörungstheoretikern tausendfach angedeutet, diskutiert oder gar wortwörtlich beschrieben wird?
Und vergessen wir nicht: Es gab es allein in diesem Jahr knapp 500 Anschläge auf Flüchtlingsheime. Diese 500 Anschläge waren keine Einzelfälle, ebensowenig wie sich die Mordserie der NSU außerhalb eines gesellschaftlichen Kontextes ereignete. Brennende Flüchtlingsheime, Messerattacken, öffentliche Aufrufe zu Hass und Gewalt; das alles ist rechter Terrorismus. Nicht mehr und nicht weniger. Diese Gewalt in Worten und Taten, ihre Wurzeln und ihren gesamtgesellschaftlichen Kontext dürfen wir nicht mehr länger ignorieren oder verharmlosen. Wir müssen sie problematisieren und Antworten darauf finden. Das ist sicher weitaus weniger bequem als weiter von "Einzeltätern", von "besorgten Bürgern" und "berechtigten Ängsten" zu salbadern und weitgehend ungeprüft darauf zu verweisen, dass es ja viel schlimmere Gefahren für unsere Demokratie gäbe. Wer diese Demokratie wirklich schützen möchte, muss sich der Herausforderung stellen und das Problem benennen. Es heißt: Rechter Terrorismus.
Die Bundesregierung und Zivilgesellschaft sind hier gleichermaßen gefordert. Berlin muss glaubwürdige und kohärente Maßnahmen gegen den rechten Spuk in die Wege leiten. Dafür bedarf es einer deutlichen Aufstockung der Mittel für Schüler- und Erwachsenenbildung, für akademische Rechtsextremismusforschung, für konkrete Hilfsangebote für jene, die von den Rechten bedroht werden sowie für Aussteigerprogramme für all jene aus der rechten Szene, die Hass und Gewalt den Rücken kehren wollen.
Notwendig erscheint aber auch der Aufbau von entsprechender Kompetenz in den Sicherheitsbehörden. Man wird dort zusätzliche Kräfte benötigen, die mit dem klaren Auftrag agieren, sich mit allen Mitteln des demokratischen Rechtsstaates durch das Dickicht neurechter Netzwerke zu kämpfen, kriminelle Machenschaften aufzudecken und Gewalttaten zu verhindern. Eine wehrhafte Demokratie muss spürbare Präsenz haben und für die Bürger dieses Landes erreichbar sein; das gilt für kritische Gegenden in Dortmund ebenso wie für die Sächsische Schweiz. Die Kräfte der Zivilgesellschaft hingegen müssen die Universalität der Menschenrechte ebenso verteidigen wie auch die Tabus einer offenen, toleranten und aufgeklärten Gesellschaft. Den rechten Hetzern darf man weder die Macht auf der Straße überlassen noch die verbale Deutungsmacht.
Der Beitrag: "Rechter Terrorismus" wurde am 20.10.2015 auch im MiGAZIN veröffentlicht: http://www.migazin.de/2015/10/20/schon-wieder-soll-er-nur-ein-einzeltaeter-gewesen-sein/
Sehen wir den Tatsachen ins Auge: In Deutschland marschieren Neonazis seit einigen Jahren wieder öffentlich auf, entweder als Initiatoren von vermeintlich spontanen Unruhen, als Veranstalter von Umzügen und Kundgebungen oder als geduldete Teilnehmer in fremdenfeindlichen Demonstrationen. Auf einigen dieser Demonstrationen mit tausenden Teilnehmern wird immer wieder zu Hassverbrechen gegen Flüchtlinge, zu Gewalt gegen Regierungsmitglieder und teils zu brutaler Lynchjustiz aufrufen. In Internet passiert das sogar tagtäglich. Kann man tatsächlich noch von einem "Einzeltäter" sprechen, wenn schließlich einer dieser Menschen jenen Gewaltakt tätlich ausübt, der in den Foren-Beiträgen von Rassisten und Verschwörungstheoretikern tausendfach angedeutet, diskutiert oder gar wortwörtlich beschrieben wird?
Und vergessen wir nicht: Es gab es allein in diesem Jahr knapp 500 Anschläge auf Flüchtlingsheime. Diese 500 Anschläge waren keine Einzelfälle, ebensowenig wie sich die Mordserie der NSU außerhalb eines gesellschaftlichen Kontextes ereignete. Brennende Flüchtlingsheime, Messerattacken, öffentliche Aufrufe zu Hass und Gewalt; das alles ist rechter Terrorismus. Nicht mehr und nicht weniger. Diese Gewalt in Worten und Taten, ihre Wurzeln und ihren gesamtgesellschaftlichen Kontext dürfen wir nicht mehr länger ignorieren oder verharmlosen. Wir müssen sie problematisieren und Antworten darauf finden. Das ist sicher weitaus weniger bequem als weiter von "Einzeltätern", von "besorgten Bürgern" und "berechtigten Ängsten" zu salbadern und weitgehend ungeprüft darauf zu verweisen, dass es ja viel schlimmere Gefahren für unsere Demokratie gäbe. Wer diese Demokratie wirklich schützen möchte, muss sich der Herausforderung stellen und das Problem benennen. Es heißt: Rechter Terrorismus.
Die Bundesregierung und Zivilgesellschaft sind hier gleichermaßen gefordert. Berlin muss glaubwürdige und kohärente Maßnahmen gegen den rechten Spuk in die Wege leiten. Dafür bedarf es einer deutlichen Aufstockung der Mittel für Schüler- und Erwachsenenbildung, für akademische Rechtsextremismusforschung, für konkrete Hilfsangebote für jene, die von den Rechten bedroht werden sowie für Aussteigerprogramme für all jene aus der rechten Szene, die Hass und Gewalt den Rücken kehren wollen.
Notwendig erscheint aber auch der Aufbau von entsprechender Kompetenz in den Sicherheitsbehörden. Man wird dort zusätzliche Kräfte benötigen, die mit dem klaren Auftrag agieren, sich mit allen Mitteln des demokratischen Rechtsstaates durch das Dickicht neurechter Netzwerke zu kämpfen, kriminelle Machenschaften aufzudecken und Gewalttaten zu verhindern. Eine wehrhafte Demokratie muss spürbare Präsenz haben und für die Bürger dieses Landes erreichbar sein; das gilt für kritische Gegenden in Dortmund ebenso wie für die Sächsische Schweiz. Die Kräfte der Zivilgesellschaft hingegen müssen die Universalität der Menschenrechte ebenso verteidigen wie auch die Tabus einer offenen, toleranten und aufgeklärten Gesellschaft. Den rechten Hetzern darf man weder die Macht auf der Straße überlassen noch die verbale Deutungsmacht.
Der Beitrag: "Rechter Terrorismus" wurde am 20.10.2015 auch im MiGAZIN veröffentlicht: http://www.migazin.de/2015/10/20/schon-wieder-soll-er-nur-ein-einzeltaeter-gewesen-sein/
Donnerstag, 1. Oktober 2015
Blinde Flecken - Eine Buchrezension zu „Gefährliche Bürger - Die neue Rechte greift nach der Mitte“ von Liane Bednarz und Christoph Giesa
„Wie wollen wir leben?“, „Was ist
uns wichtig?“, „Was hält unsere Gesellschaft zusammen?“. Es sind Fragen wie
diese, welche eine mittlerweile in Gang gekommene öffentliche Selbstbefragung der
Deutschen prägen. Natürlich wurde dieser Prozess auch von offizieller Seite und
von diversen Medien irgendwie „angestoßen“; so tourte die Kanzlerin selbst mit
einem entsprechenden Format für Bürgerdialog durch die Republik. Dennoch
spricht aus heutiger Sicht wenig dafür, dass diese offiziösen Impulse dafür ausschlaggebend
waren, dass in der gesellschaftlichen Mitte tatsächlich eine breitere Diskussion
über Chancen und Risiken des gesellschaftlichen Wandels und eine mögliche
Neujustierung von berechtigten Eigeninteressen und gesamtgesellschaftlicher
Verantwortung entstehen konnte. Wahrscheinlich ist sogar das genaue Gegenteil
der Fall: Der top-down lancierte Versuch, über die Zukunft unserer Gesellschaft
nachzudenken, mündete in einer zunächst schwerfälligen und etwas
selbstgefälligen Nabelschau. Mehr sollte man von politisch aufgesetzten Programmen
aber fairerweise auch nicht erwarten.
Ein glaubwürdiger gesellschaftlicher
Diskurs muss sich in der Zivilgesellschaft selbst entwickeln. Genau das ist nun
der Fall. Und dieses sich mittlerweile weitgehend selbstständig von staatlichen
Stichwortgebern vollziehende Nachdenken über das künftige Miteinander in einer
Gesellschaft, die sowohl älter als auch „bunter“ und vielfältiger wird, bezieht
seine besondere Dynamik, seine Intensität und vor allem seine neue Ernsthaftigkeit
wohl gerade daraus, dass die der Reflexion zugrundeliegenden Werte der
Aufklärung, der Toleranz sowie der demokratischen und humanitären Verantwortung
immer unverhohlener und immer aggressiver herausgefordert werden. Diese anti-aufklärerischen
Impulse und Ressentiments aber kommen, und das irritiert, in zunehmendem Maße ebenfalls aus der
Mitte der Gesellschaft.
Zynismus, Islamophobie, Fremdenfeindlichkeit,
völkisch-biologistische Denk- und Diskursmuster, krude Verschwörungstheorien,
Affinität zu autoritären Politik- und Gesellschaftsmodellen sowie ein
grundsätzliches Misstrauen gegen die Medien und das bestehende „System“ sind
von den Rändern der Gesellschaft bis in deren Mitte gelangt. Dieser von den
Autoren aufgestellte und im Verlauf des Buches empirisch unterlegte Befund
steht am Anfang des jüngst im Münchner Carl Hanser Verlag erschienenen Bands „Gefährliche Bürger – Die neue Rechte greift
nach der Mitte“ des Autorenduos Liane Bednarz und Christoph Giesa, die mit
ihrem Buch nun ihrerseits einen Beitrag zur laufenden Diskussion über Chancen
und Gefahren für das Miteinander in einer sich wandelnden Gesellschaft erbringen.
Und eben darin liegt die
Reichweite des vorliegenden Buches: Es ist ein Debattenbeitrag mit gewissen
investigativen Elementen und einem abschließenden Appell an die Bürger, die Werte
der Aufklärung und die offene Gesellschaft aktiver und wacher als bisher zu
verteidigen. Als wissenschaftliche Arbeit, als philosophische Streitschrift oder
als Abhandlung über politische Ethik versteht sich die Koproduktion hingegen
nicht. Auch als Kompendium der von rechts aufziehenden Bedrohungen für die
offene Gesellschaft kann der schmale Band nicht dienen. Aber auch diesen
Anspruch verfolgen die Autoren erklärtermaßen nicht. Vielmehr ist das Ziel, dem
Leser - und hier zielen die Autoren auf ein sehr breites Publikum - anhand von
konkreten Beispielen aufzuzeigen, wie „sich das rechte Milieu für eine
Infiltration der bürgerlichen Mitte rüstet“. Zu diesem Zweck sollen die
„Übersetzung von Codes und die Einordnung des dahinterstehenden Gedankenguts“
in Angriff genommen werden und die führenden Köpfe dieses rechten Milieus, ihre
Publikationen und Techniken identifiziert und demaskiert werden.
Die beiden Autoren machen also
aufklärerische und gewissermaßen volkspädagogische Motive für ihre
Zusammenarbeit geltend. Nicht zuletzt, da das Autorduo bereits in der Einleitung ankündigt,
basierend auf den empirisch-dokumentarischen Teilen des Buches einen
umfassenden gesellschaftspolitischen Therapieplan vorzulegen, agieren sie aber
auch selbst als politische Akteure. Mit dieser Rolle gehen Frau Bednarz und
Christoph Giesa allerdings auch ziemlich unbefangen um: So erklären sich die
beiden Autoren bereits in der Einleitung nicht nur selbst zu Angehörigen der
sozialen, politischen und gesellschaftlichen Mitte, sondern offenbaren zudem
ihre eigene parteipolitische Verortung: Liane Bednarz arbeitet als
Rechtsanwältin in München, sie war Stipendiatin der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung
und ist nach eigenen Angaben auch Mitglied der CDU. Christoph Giesa
hingegen ist (wieder) Mitglied der FDP, für die er bei den Europawahlen im
Jahre 2009 kandidierte. Bei der Parteiführung der Liberalen eckte er in der
Vergangenheit hin und wieder an. Dies insbesondere, als Giesa im Jahr 2010 eine
vielbeachtete Internet-Kampagne für Joachim Gauck mitinitiierte, der von SPD
und Grünen als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten aufgeboten wurde (die
Bekanntschaft des Rezensenten mit dem Autor geht bis in diese Tage zurück).
Zeitweilig hatte Giesa seiner Partei sogar ganz den Rücken gekehrt, da er die
Liberalen im Zuge der Auseinandersetzung rund um die Eurorettungspolitik der
schwarz-gelben Bundesregierung auf einem verhängnisvollen Weg nach rechts sah.
Mit dieser Einschätzung und dem damit verbundenen Vorwurf an einige seiner
Parteifreunde, sich nicht überzeugend nach rechts abzugrenzen, zog er deren
Zorn auf sich. Erst als Christian Lindner nach der Wahlniederlage von 2013 neuer
FDP-Parteivorsitzender wurde, kehrte Giesa zu den Freien Demokraten zurück.
Bereits anhand dieser kurzen
biographischen Notizen wird deutlich, dass Autoren und Werk hier in einem besonders
engen Zusammenhang stehen. Dies wird nicht selbst an Sprache und Duktus des über
weite Strecken flott geschriebenen Bandes fühlbar, denn offensichtlich sind es
neben einer aufrichtigen Empörung über Infiltrations- und
Unterwanderungstendenzen rechter Vordenker nicht zuletzt eigene Erfahrungen,
Erlebnisse und mit persönlicher Härte ausgetragene Konflikte, die dazu
beitragen, dass nicht nur der abschließende Appell zur Verteidigung der offenen
Gesellschaft, sondern teils auch die faktengefütterten Beschreibungen der
handelnden Akteure, ihrer Publikationen, Begriffe und Methoden teils emotional
ausfallen. Zudem haben beide Autoren jeweils Lieblingsfeinde, die im Buch mit
besonderer Verve ins Visier genommen werden, während andere, im Kontext einer
„Infiltration der bürgerlichen Mitte“ durch rechtspopulistische und neurechte
Interpretations- und Diskursmuster durchaus relevante, Akteure teils nur am
Rande oder gar keine Beachtung finden: So werden beispielsweise im Kapitel über
„Rechte Christen“ die Aktivitäten einiger ultrakonservativer bis reaktionärer
Katholiken – die Autoren sprechen hier von „Rechtskatholiken“ – ausgiebig dargestellt.
Auf eine Darstellung der von Experten als politisch hochaktiv eingeschätzten
evangelikalen Netzwerke wird hingegen fast vollständig verzichtet. Wie
begründet man so eine Auswahl? Und warum werden die allseits bekannten Versuche
christlicher Reaktionäre, Einfluss auf die christlichen Parteien der bürgerlichen
Mitte zu nehmen, nicht einmal am Rande thematisiert? Geht es hier nicht denn
nicht darum, wie „sich das rechte Milieu für eine Infiltration der bürgerlichen
Mitte rüstet“?
Generell reißen die Autoren
ziemlich viele Themen (Rechte Christen, Finanz-Apokalyptiker, AfD, Verlagsnetzwerke)
an, unternehmen dann oft mehr oder manchmal minder überzeugende Versuche, diese
miteinander zu verknüpfen, nur um den jeweiligen Untersuchungsgegenstand nach
oberflächlicher Betrachtung mitunter wieder ganz fallen zu lassen. Damit haben
sich die Autoren keinen Gefallen getan, denn das Buch wirkt dadurch manchmal etwas
konfus und in der Auswahl der betrachteten Akteure und Themen sogar ein wenig
beliebig. Wie viel gelungener war im Vergleich dazu doch die kurze und
prägnante Dekonstruktion der AfD („Deutschland
dreht durch - Die Wahrheit über die AfD“), welche die beiden Autoren vor
gar nicht langer Zeit als ebook vorgelegt haben. Hier hatte sich das Autorenduo
mit der AfD auf einen einzigen fassbaren Untersuchungsgegenstand beschränkt und
von diesem Betrachtungsgegenstand ausgehend sehr überzeugend die Vernetzung der
Protestpartei mit rechtsradikalen, verschwörungstheoretischen und identitären
Kräften aufgezeigt. Diese analytische Klarheit, Selbstbescheidung und
Überzeugungskraft von „Deutschland dreht
durch“ fehlt dem neuen Band.
Dieser Eindruck wird dadurch
verstärkt, dass zentrale und von den Autoren selbst eingeführte Begriffe nicht
eindeutig definiert und abgegrenzt werden. Wer oder was ein „gefährlicher
Bürger“, ein „Rechtskatholik“ oder die „neue Rechte“ denn nun eigentlich genau sein
soll, bleibt bis zum Schluss ziemlich unklar. Misslich wird so ein Mangel an
begrifflicher Trennschärfe spätestens in dem Moment, in dem die Autoren selbst auf
das aus der Theorie bekannte Konzept der „Neuen Rechten“ verweisen und angeben,
dieses sei nicht deckungsgleich mit der von ihnen eingeführten „neuen Rechten“.
Wenn dem aber so ist und mit erkennbarer Ambition ein neues Konzept eingeführt
wird, dann sollte dieses eben auch etwas konkreter ausbuchstabiert werden. Da
das aber nicht geschieht, drängt sich die Frage auf, ob an dieser Stelle etwas weniger
nicht mehr gewesen wäre.
Das gilt übrigens nicht nur für
die zentralen Begriffe, sondern auch in Bezug auf die (für einen erklärtermaßen
nicht wissenschaftlichen Publikumstitel) gar nicht notwendigen Versuch einer
theoretischen Anbindung der zentralen Thesen des Buches. Der mit diesem
Anspruch verbundene Verweis auf Gramsci und das Konzept der kulturellen
Hegemonie erscheint zwar nicht uninteressant, doch wird dieser Ansatz nicht vertiefend
ausgeführt. Erwähnt wird leider auch nicht, dass u.a. der Politikwissenschafter
Armin Pfahl-Traughber bereits vor Jahren Überlegungen zum „rechten Gramscismus“
angestellt hat (Armin Pfahl-Traughber: Die „Umwertung der Werte“ als
Bestandteil einer Strategie der „Kulturrevolution“. Die Begriffsumdeutung von
Demokratie durch rechtsextremistische Intellektuelle. In: Wolfgang
Gessenharter/Thomas Pfeiffer (Hrsg.): Die Neue Rechte - eine Gefahr für die
Demokratie, Wiesbaden 2004).
Einen gewissen Ehrgeiz entwickeln
die Autoren hingegen darin, ihr Wissen über die sogenannte „Konservative
Revolution“ auszubreiten. Insbesondere auf den 1925 verstorbenen Arthur Moeller
van den Bruck wird immer wieder rekurriert, um dessen Einfluss auf die heute
angewandten Methoden und Weltbilder neurechter Vordenker nachzuweisen.
Besonderes Augenmerk in diesem Kontext erfährt einer der bekanntesten
Rechtsintellektuellen der alten Bundesrepublik, Armin Mohler. Der nicht
unumstrittene Terminus „Konservative Revolution“ als begriffliche Klammer für letztlich
doch sehr verschiedene jungkonservative, romantisch-antimoderne und
antiliberale Gruppierungen von Literaten und Aktivisten der 1920/30er Jahre
geht auf Mohler selbst zurück.
Der gebürtige Schweizer Mohler
kann als einer der intellektuellen Gründerväter der Neuen Rechten (hier im
Sinne des etablierten wissenschaftlichen Begriffes) in Deutschland gelten.
Mohler wird von der heute tätigen Generation rechter Publizisten rezipiert, was
Bednarz/Giesa auch ausführlich belegen. Über ganze Seiten werden Zitate Mohlers
besprochen, die dessen antidemokratische, autoritäre und illiberale
Grundhaltung ebenso widerspiegeln (so anhand dessen Pamphlet „Gegen die Liberalen“) wie seine Verachtung
für das Grundgesetz (laut Mohler „Eine
Quelle der Heuchelei“).
Einen anderen zentralen Aspekt
des Wirkens von Armin Mohler lassen die Autoren jedoch unerwähnt: Mohler galt
auch als Vordenker der CSU und stand im Dienste von Franz-Josef Strauß, für den
Mohler als Berater und Redenschreiber arbeitete. Unter dem Pseudonym „Nepomuk
Vogel“ schrieb er auch für die in großer Auflage verbreitete CSU-Parteizeitung Bayernkurier. Sollte das alles den sonst
so akribisch recherchierenden Autoren tatsächlich entgangen sein? Das erscheint
angesichts der Zugänglichkeit der genannten Informationen doch eher
unwahrscheinlich. Hielten die Autoren die Rolle, die der rechte Vordenker
Mohler in der bürgerlichen Volkspartei CSU spielte, also einfach nicht für
relevant? Das wäre bemerkenswert bei einer Publikation, deren Anspruch und
Aufgabenstellung darin besteht, die „Infiltration der bürgerlichen Mitte“ durch
das neurechte Milieu zu problematisieren. Eine solche Infiltration scheint
Mohler, dem unbestrittenen Vordenker der Neuen Rechten, doch in geradezu
beispielgebender Weise gelungen zu sein.
Solche eigenartigen Auslassungen
ziehen sich wie ein roter Faden durch das Buch. Das verärgert und gibt einen langen
faden Vorgeschmack auf das, was diesen blinden Flecken fast unweigerlich folgen
muss. Es kommt nach ungefähr 160 Seiten und damit fast unmittelbar vor dem
Abschluss der eigentlichen Dokumentation über neurechte Infiltrationsversuche: “FDP und Union haben den Angriffen aus den
eigenen Reihen diesmal standgehalten und sind nicht der Verlockung des
Populismus gefolgt“. Zwar habe sich, konzedieren die Autoren, im Jahr 2010
im Umfeld der CDU eine rechtslastige Gruppe namens „Aktion Linkstrend stoppen“ gebildet, diese sei aber in allen
Belangen gescheitert, habe nicht einmal mehr eine Internetpräsenz und sei
letztlich nur eine Art Vorstufe der AfD gewesen. Was aber CDU, CSU und FDP
anginge, so hätten sich diese in den letzten Jahren als immun gegenüber populistischem
Gedankengut erwiesen. Damit wird das gerade erst eröffnete Thema Parteien abgeschlossen
und auch auf den folgenden 60 Seiten nicht mehr erwähnt. Mehr haben die Autoren
eines Buches über die „Infiltration der bürgerlichen Mitte durch das rechte
Milieu“ zum Themenkomplex bürgerliche Parteien wirklich nicht zu sagen?
Der Befund ist apodiktisch
vorgetragen und erscheint schon deswegen bemerkenswert, als dass sich das ganze
Buchprojekt damit selbst die Grundlage entzöge. Auch der alarmierende Duktus
der Autoren hinsichtlich der Gefahren neurechter Unterwanderung für unsere
demokratische Ordnung erscheint angesichts von so viel Unbekümmertheit hinsichtlich
der Durchdringungskraft rechter Diskursmuster gegenüber der realen Politik dann
doch ein wenig marktschreierisch. Wenn es den Stichwortgebern aus dem rechten
Milieu tatsächlich nicht einmal gelänge, Anknüpfungspunkte mit den Parteien der
rechten Mitte herzustellen, wenn also Kader, Mandatsträger und Mitglieder der
Parteien (und zwar nach Meinung der Autoren aller
relevanten Parteien) tatsächlich so immun gegen die Phrasen der
rechtspopulistischen Vereinfacher wären, dann wäre die von Bednarz und Giesa
evozierte Bedrohung für die offene Gesellschaft nicht annähernd so groß wie von
den Autoren dargestellt.
Allerdings kann zu einem solchen
Befund wohl nur derjenige gelangen, der oder die weite Strecken der Realität
ausblendet und kein Wort über die Populismus-Offensiven vermeintlich
bürgerlicher Politiker verliert. Dementsprechend findet sich in dem Buch kein
Wort über den „Kampf bis zur letzten
Patrone gegen Zuwanderung in die Sozialsysteme“, den der CSU-Vorsitzender
Seehofer ausrief; kein Wort darüber, dass Markus Söder öffentlich forderte, an
„Griechenland ein Exempel zu statuieren“;
kein Wort zur strategischen Wende der CSU nach der verlorenen Landtagswahl 2008,
die erstmals in den Europawahlen 2009 mit einer „Anti-Türkei-Kampagne“ eingeläutet
wurde. Kein Wort zum rechten Vordenker Peter Gauweiler, der nach dem Willen von
CSU-Chef Seehofer in eben diesem Europawahlkampf eigentlich Spitzenkandidat der
CSU werden sollte (Gauweiler hatte keine Lust und lehnte ab) und den Seehofer
schließlich zum Parteivize machte, um möglichst viele deutschnationale Wähler
zu begeistern. Kein Wort zu Gauweilers langjährigem Mitstreiter im Bundestag,
dem ehemaligen Staatssekretär im Verteidigungsministerium Willy Wimmer, der
sich zuletzt nicht einmal mehr scheute, an der COMPACT-Friedenskonferenz des im
Buch ausführlich dargestellten rechtsextremistischen Verschwörungstheoretikers
Jürgen Elsässer teilzunehmen. Kein Wort zu den regelmäßigen Treffen zwischen
CDU Sachsen und Pegida. Nein, tatsächlich kein einziges Wort.
Und während der Rezensent diese
Zeilen in der ersten Fassung niederschrieb, liefen im Nachrichtenfernsehen Bilder, die zeigen, wie ein
verschmitzt lächelnder Horst Seehofer den ungarischen Premier Viktor Orbán als
Gast auf der Herbstklausur der CSU in Kloster Banz empfängt. Man kennt sich:
Viktor Orbán ist Träger des Franz-Josef-Strauß-Preises der CSU-nahen
Hanns-Seidel-Stiftung. Selbst die konservative Tageszeitung „Welt“ titelt einen Tag später: „CSU fühlt sich Orbán näher als der CDU“.
Wären dieses Ereignis und seine Protagonisten in dem bereits vor einigen Wochen
ausgelieferten Buch von Frau Bednarz und Herrn Giesa berücksichtigt worden? Man
glaubt nach der Lektüre nicht mehr so recht daran. Die blinden Flecken sind
einfach zu groß und sie bedecken immer dieselbe Stelle.
Doch halt! Um doch noch irgendein
Beispiel für die Infiltration der bürgerlichen Mitte-Parteien durch
rechtspopulistische Diskursmuster darzustellen, gehen die Autoren an all den erwähnten
Entwicklungen der letzten Jahre vorbei bis ins Vorwendejahr 1989, um ein Zitat
des damaligen CSU-Vorsitzenden Theo Waigel bei einer Vertriebenenveranstaltung zu
zerpflücken. Ausgerechnet Waigel, der als einer der Väter des Euro geachtet
wird und in der CSU immer als Vertreter einer moderaten Linie galt. Waigel wurde
von Edmund Stoiber in ziemlich demütigender Weise verdrängt und hat sich
bereits 1998 geschlagen aus der Politik zurückgezogen. Vielleicht erklärt ja
dieser Umstand, warum ausgerechnet Waigel als Beispiel für bürgerliche
Politiker dienen muss, die „der
Verlockung des Populismus gefolgt“ sind, und nicht etwa die Kader, die ihm
folgten.
Den bürgerlichen Parteien und
ihrem gesamten Führungspersonal aber wird völlig pauschal und ohne jedes
Differenzierungsbedürfnis ein Persilschein für den behandelten Zeitraum
ausgestellt. Warum eigentlich? Fallen die Autoren damit nicht weit hinter den
Stand der Debatte zurück? Nicht nur Experten, sondern auch viele Politiker, Zeitungsleser und mit Sicherheit viele der Facebook-Nutzer, die Frau Bednarz
und Herr Giesa fast tagtäglich mit Nachrichten füttern, wissen es doch besser.
Selbst in der SPD finden sich nach dem Sarrazin-Desaster immer öfter nachdenkliche
und selbstkritische Töne bezüglich der Frage, wie immun die Traditionspartei
und ihre Anhänger tatsächlich gegenüber rechtspopulistische Diskursmustern sind.
Und wie wollen die Autoren ihrem Anspruch gerecht werden, brauchbare gesellschaftspolitische
Therapieempfehlungen zu erarbeiten, wenn sie mit den Mitte-und
Mitte-Rechts-Parteien einen wichtigen (wahrscheinlich den wichtigsten)
Kontextbaustein dieser bürgerlichen Mitte mit blinden Flecken übersäen?
Das Buch nimmt durch die
benannten Mängel großen Schaden. Es ist in zentralen Abschnitten schlichtweg
dekontextualisiert. Das ist bedauerlich, denn was im Gegensatz zu all den Auslassungen
und Unschärfen stets klar erkennbar bleibt, ist die konstruktive Haltung der
Autoren. An ihrem aufrichtigen Einsatz gegen Ausgrenzung, Rassismus,
Antisemitismus, gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und gegen illiberale
Strömungen jeder Art besteht kein Zweifel. Viele der angebotenen Informationen
über die mit der rechten Szene verbundenen Publikationen und Personen sind
luzide. Und auch die Tatsache, dass Frau Bednarz und Herr Giesa sich nicht
scheuen, mit ihren Publikationen den Hass der rechten Szene auf sich zu ziehen,
zeichnet sie aus. Vielleicht darf man ja darauf hoffen, dass Frau Bednarz und
Herr Giesa sich künftig in ihren Parteien für ihre freiheitlich-demokratischen Anliegen
stark machen und sich gegebenenfalls um ein Parteiamt oder ein politisches
Mandat bemühen. Den Parteien der bürgerlichen Mitte würde das sicherlich gut
bekommen. Engagierte Verteidiger der offenen Gesellschaft werden dort viel
dringender gebraucht als die Autoren glauben möchten.
„Gefährliche Bürger: Die neue
Rechte greift nach der Mitte“ ist als Taschenbuch im Carl Hanser Verlag erscheinen. Das Buch
hat 220 Seiten und kostet 17,90 Euro (Kindle Edition 12,90 Euro)
Nachtrag: Es ist kein Geheimnis, dass der Rezensent den Autor Christoph Giesa seit langem kennt und schätzt. Daher war es mir ein besonderes Anliegen, meine Fragen und Zweifel mit Christoph persönlich zu diskutieren. Im Zuge einer von mir angestoßenen Korrespondenz stieß ich auf einen diskussionsoffenen Autor, der sein Werk zwar verteidigte, die Kritik aber annahm und zumindest im Hinblick auf einen Punkt sehr nachdenklich geworden war. Seinen von mir kritisierten und vor einigen Monaten formulierten Befund, wonach “FDP und Union (..) nicht der Verlockung des Populismus gefolgt“ seien, würde er - zumindest unter Einbezug der CSU - spätestens heute wohl nicht mehr so niederschreiben. Die von Giesa und Bednarz aufgeworfene Frage, wie immun die politische Mitte gegenüber rechtspopulistischen Denk- und Diskursmustern ist, bleibt virulent. Die von den Autoren problematisierten Gefahren bleiben bestehen. Das ist keine gute Nachricht, es zeigt aber die besondere Bedeutung differenzierter Bewertungen.
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Sonntag, 13. September 2015
Germany’s Willkommenskultur is right morally, economically and politically. It sets an example to the world."
Das liberale Leitmedium "The Economist" titelt diese Woche mit der
Überschrift "Exodus" und postuliert: "Europe should welcome more
refugees and economic migrants—for the sake of the world and itself". Zu
Deutschland: "Germany’s Willkommenskultur is right morally,
economically and politically. It sets an example to the world."
Assad und Putin - Der doppelte Hebel gegen den Westen
Wer glaubt, vor allem der IS stünde im Visier Assads, der irrt oder
verschleiert mutwillig. Denn die beiden Seiten machen lohnende Geschäfte
miteinander und kooperieren teils auch gegen gemeinsame Feinde. Assad
aber wird den Krieg gegen die syrische Bevölkerung fortsetzen können.
Mehr Fassbomben werden auf Wohngebiete niedergehen, mehr Menschen werden
fliehen müssen oder vertrieben werden. Putin hat also einen zweifachen
Hebel gefunden, um Druck auf Europa zu machen. Diese Möglichkeit hat er
allerdings nur bekommen, da der Westen weitgehend untätig bleibt.
Das Böse ist dazu verurteilt, einzig sich selbst zu reflektieren
Claude Lanzmann merkt in seinen Memoiren "Der patagonische Hase" an,
dass bei allem Nachdenken über das Böse - und Lanzmann hatte während der
mehr als zehnjährigen Arbeiten an "Shoah" viel Anlass darüber
nachzudenken - doch immer die Einsicht zutagetrete, dass das Böse dazu
verurteilt sei, einzig sich selbst zu reflektieren. Das ist ein Satz von
großer philosophischer und ethischer Klarheit. Darüber darf man
nachdenken, heute, am immer wiederkehrenden 11. September, und auch im
Hinblick auf viele menschenverachtende Kommentare über Flüchtlinge,
auf Facebook und im politischen Diskurs.
800.000 - Eine Flüchtlingszahl macht die Runde in Deutschland
Die Zahl 800.000 macht überall die Runde und immer wieder fällt seitens
ganz bestimmter und nach eigenen Angaben ganz besonders patriotischer
Politiker der Begriff "Überforderung". Zur Erinnerung: Nachdem
Frankreich kapituliert hatte und Britannien allein gegen das mit der
Sowjetunion verbündete NS-Deutschland kämpfte, mussten innerhalb von
Wochen weit über 800.000 britische Schulkinder wegen deutscher
Bombenangriffe evakuiert werden. Sie wurden zu Flüchtlingen und
Vertriebenen im eigenen Land. In
Britannien erinnern sich die Menschen daran, in Deutschland hat sich
offenbar nie jemand dafür interessiert. Im Gegensatz zum reichen,
stabilen und heute friedlichen Deutschland stand das Vereinigte
Königreich damals mit dem Rücken zur Wand und kämpfte um das nackte
Überleben. Aber buchstäblich kein Brite hätte in derart
jämmerlich-larmoyanter Manier das Wort "Überforderung" in den Mund
genommen. Stattdessen hieß es: Keep calm and carry on. Viele deutsche
Bürger handeln heute nach diesem Motto. Sie sind die besseren Patrioten.
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Montag, 7. September 2015
Gesellschaftlicher Wandel: Deutschland und die Flüchtlinge
Was für ein erstaunliches Land dieses Deutschland doch sein kann. Man
gewinnt in diesen Tagen den Eindruck, dass dieses Land sich gerade neu
erfindet, sein Selbstverständnis, seine gesamte Identität um
entscheidende humanistische Komponenten erweitert. Das Deutschland
dieser Tage scheint seinen Stolz nicht mehr aus Triumphgeschrei, sondern
aus ganz selbstverständlicher und unverkrampfter Weltoffenheit, aus
fast schwereloser unprätentiöser Mitmenschlichkeit und Großzügigkeit zu
beziehen. Darüber darf man vielleicht wirklich ein bisschen glücklich
sein, vielleicht sogar ein wenig stolz. Allzu (selbst-) zufrieden
sollten wir nicht sein; nicht solange noch immer Asylbewerberunterkünfte
in Brand gesteckt werden und Rassisten um die Macht der Straße kämpfen.
Aber auch dieser Hass von den Rändern kann nicht verdecken, was für ein
wundersamer gesellschaftlicher Wandel sich in diesem Spätsommer in
Deutschland manifestiert. Fast unnötig festzustellen, dass dieser Wandel
nicht vom Staat oder vom politischen Teilsystem angestoßen wurde,
sondern von den wichtigsten und zentralen gesellschaftlichen Akteuren,
den Bürgern. Diese Bürger haben sich als viel großherziger und
weltoffener gezeigt als dies die Demoskopen und Strategen in den
Ministerien und Parteizentrale je für möglich gehalten hätten. Viele
grundlegende Annahmen dieser Wählerstimmenmaximierer, die politische
Ethik oftmals für nostalgisch-rührseligen Ballast halten, sind praktisch
über Nacht obsolet geworden. Man wird sie an (vermeintlich) neue
gesellschaftliche Anforderungen anpassen müssen. Vielleicht ist dies die
schönste Nachricht in diesen bemerkenswerten Tagen.
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Donnerstag, 3. September 2015
Neonazi-Demo in Hamburg: Wer stellt sich dem braunen Mob entgegen?
Neonazis, Hooligans und Rassisten rufen zu einer Demonstration in Hamburg auf. Am 12. September Diese Mobilmachung der Neonazis ist nicht weniger als eine Kampfansage
an diesen freiheitlich-demokratischen Staat und an die offene
Gesellschaft. Wer wird sich diesem Mob entgegenstellen? Die Polizei? Ich
glaube, das trifft es nicht. Denn Aufgabe der Polizei ist es, Straftaten zu
verhindern und zu verfolgen. Gesellschaftliche Organisation (nennen wir
es ruhig Widerstand) gegen diesen braunen Spuk kann und soll sie nicht ersetzen. Denn ein Polizeieinsatz ist kein Ersatz für eine wache, vielfältige und aufgeklärte Zivilgesellschaft. Nein, hier sind die Bürger gefragt, und zwar nicht irgendwelche Bürgerwehren, sondern vielmehr die Bürger im Sinne des engagierten Citoyen, die oder der ihr Gemeinwesen schützen und ein Bekenntnis zur Demokratie abgeben will; die oder der Hass und Gewalt nicht ohne laut vernehmbaren Widerspruch hinnimmt; der dagegenhält, immer und überall. Denn den Braunen darf die Straße nicht überlassen werden. Auch nicht für ein paar Stunden. Davon ginge ein fatales Signal aus.
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Bilder und Worte - Über das Bild des ertrunkenen Flüchtlingskinds und die Verrohung der Sprache
Das Bild des ertrunkenen Flüchtlingskinds am Strand von Bodrum, es ist
eines von wohl hunderten ertrunkenen Flüchtlingskindern allein in diesem
Jahr, erschüttert wohl jeden Menschen, den Zynismus und Hass nicht zum
Menschenfeind gemacht haben, in seinem Innersten. Doch wird sich durch
die bildhafte Verbreitung dieses Grauens etwas ändern? Werden Politiker,
die bisher jede Verantwortung für den Horror, der sich auf den Meeren
und Straßen in und um Europa tagtäglich ereignet, und
jede daraus erwachsende Verpflichtung abstreiten, aufgrund dieses
Bildes umdenken und ihr Verantwortungsgefühl entdecken? Ich weiß es
nicht. Aber vielleicht wird dem einen oder anderen Stichwortgeber
angesichts dieser herzzerreißenden Bilder eines ertrunkenen und tot an
den Strand gespülten Kindes endlich klar, wie schändlich und
menschenverachtend politische Kampf-Vokabeln wie "Flüchtlingsflut",
"Asylantenschwemme" etc. tatsächlich sind. Durch solche Begriffe werden
die (großen und kleinen) Menschen, die auf der Flucht sind, zu einer
vermeintlich anonymen und bedrohlichen Naturgewalt stilisiert und damit,
teils wohl ganz bewusst, für den politischen Sprachgebrauch
"entmenschlicht". Solange wir zulassen, dass solche Begriffe unsere
Hirne und Herzen vergiften, wird sich auch unsere Politik nicht
grundlegend ändern. Wer unsere auf christlicher Nächstenliebe, dem
Menschenbild der Aufklärung und einer einzigartig vielfältigen
Kulturgeschichte fussende Zivilisation tatsächlich verteidigen will,
kann hier ansetzen, beim Umgang mit dem Kultuträger Sprache und im
Umgang mit den Menschen selbst.
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Donnerstag, 27. August 2015
Volatilität der Rohölpreise - Kluge Investitionen in eine diversifizierte Energieversorgung müssen gerade jetzt in Angriff genommen werden
$ 42,51 für das Barrel Rohöl. Seit März 2009 war der Rohölpreis nicht so niedrig wie
heute. Das sind schlechte Nachrichten für Putin, Venezuelas Maduro und
einige andere Autokraten. Schwierig ist diese Marktlage aber auch für
die US-Unternehmen, die in Dakota und Texas das relativ teure und
aufwändige oil fracking betreiben. Bei einem Ölpreis von unter 50 $
lohnt sich diese Fördermethode zumindest für neue Anlagen nach
Expertenangaben definitiv nicht mehr. Das aber ist entscheidend, denn
Fracking-Quellen versiegen
vergleichsweise rasch, ständig müssen neue Quellen erschlossen werden.
Die Schieferölvorkommen in Nordamerika gelten zudem als begrenzt. Vor
diesem Hintergrund spricht viel dafür, verstärkt auf erneuerbare
Energien zu setzen. Die Beibehaltung einer starken Abhängigkeit von
Erdöl scheint letztlich weder für Importeure noch für die Förderländer
erstrebenswert. Diversifizierung und technologische Innovation hingegen
haben sich bewährt.
Und doch fragt heute mancher: Warum auf Öl verzichten, wo es doch so billig ist? Aber hierin läge eine Verkürzung. Der Ölpreis mag derzeit noch niedrig liegen, doch das Problem liegt vielmehr darin begründet, dass der Ölpreis insgesamt sehr volatil ist; dass die Vorkommen in den versorgungssicheren westlichen Industrienationen begrenzt sind; dass viele alternative Fördernationen in Krisenregionen liegen, nicht selten ökologische und soziale Standards massiv verletzen; dass diese Standorte westlichen Unternehmen teils wenig Rechtssicherheit bieten und nicht selten zweifelhaften politischen Regimen anhängen. Diese Faktoren in Betracht ziehend erscheint eine starke Abhängigkeit von Öl - insbesondere zu einem bestimmten Marktpreis - nicht als kluge und nachhaltige Wachstumsstrategie. Was die rentistischen Fördernationen angeht, die aus ihrem Erd- und Erdölreichtum meist keine diversifizierte Wachstumsstrategie entwickeln, muss man wohl nicht streiten.
Der Boom in den USA ist trügerisch und könnte nach Expertenmeinung bald abflachen; bei den zitierten Marktpreisen sogar früher als gehofft. Es wäre also gut, die möglicherweise verbleibenden Jahre für kluge Investitionen in eine diversifizierte Energieversorgung zu investieren.
Und doch fragt heute mancher: Warum auf Öl verzichten, wo es doch so billig ist? Aber hierin läge eine Verkürzung. Der Ölpreis mag derzeit noch niedrig liegen, doch das Problem liegt vielmehr darin begründet, dass der Ölpreis insgesamt sehr volatil ist; dass die Vorkommen in den versorgungssicheren westlichen Industrienationen begrenzt sind; dass viele alternative Fördernationen in Krisenregionen liegen, nicht selten ökologische und soziale Standards massiv verletzen; dass diese Standorte westlichen Unternehmen teils wenig Rechtssicherheit bieten und nicht selten zweifelhaften politischen Regimen anhängen. Diese Faktoren in Betracht ziehend erscheint eine starke Abhängigkeit von Öl - insbesondere zu einem bestimmten Marktpreis - nicht als kluge und nachhaltige Wachstumsstrategie. Was die rentistischen Fördernationen angeht, die aus ihrem Erd- und Erdölreichtum meist keine diversifizierte Wachstumsstrategie entwickeln, muss man wohl nicht streiten.
Der Boom in den USA ist trügerisch und könnte nach Expertenmeinung bald abflachen; bei den zitierten Marktpreisen sogar früher als gehofft. Es wäre also gut, die möglicherweise verbleibenden Jahre für kluge Investitionen in eine diversifizierte Energieversorgung zu investieren.
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Neonazis
Warum hat die deutsche Politik immer noch nicht den Mut gefunden, die in
der ganzen Republik gegen Flüchtlinge wütenden Horden als das zu
bezeichnen, was sie sind, nämlich Neonazis?
Freitag, 17. Juli 2015
Griechenlandhilfe: Gysi
Der wortgewaltige Abgeordnete Gregor Gysi, der mit seinem lautsprecherischen und reichlich selbstgerechten Redebeitrag an diesem Abend von allen Nachrichtensendungen zitiert wird, hat laut abgeordnetenwatch.de an der heutigen Abstimmung zur Griechenlandhilfe nicht teilgenommen. Nicht einmal enthalten wollte sich Gysi. Er zog es offenbar vor, sich diskret zurückzuziehen und sich jeder Verantwortung zu entziehen. Ich finde das erbärmlich. Haltung sieht anders aus.
Griechenlandhilfe
Der Bundestag gibt grünes Licht für Verhandlungen mit Athen, doch viele Bürger in Deutschland und auch in Griechenland selbst fragen sich: Reicht es, Griechenland ein drittes Hilfspaket zu gewähren?
Die Antwort lautet: Natürlich ist es damit nicht getan. Athen braucht kurzfrstig mehr Geld, mittel- und langfristig braucht es aber vor allem mehr Sicherheit, mehr Stabilität und auch mehr commitment, kurz: mehr Europa. Dasselbe gilt aber auch für die Eurozone als Ganzes.
Griechenland braucht einen Marshallplan und auch einen teilweisen Schuldenerlass, wie vom IWF gefordert, sowie Sicherheit für Bürger und Investoren, dass ein Grexit nun endgültig vom Tisch ist. Doch um diese Sicherheit herzustellen, ohne Tsipras und den von ihm vertretenen staatskapitalistischen Sektoren einen Blankoscheck auszustellen, müssen sich Griechenland und die anderen 18 Euro-Staaten umgehend auf einen verbindlichen Fahrplan hin zu einer Fiskalunion verständigen. Letzteres ist nicht nur unabdingbar, um Griechenland mittelfristig und innerhalb stabiler institutioneller Strukturen als Staat sowie als Bestandteil der Eurozone funktionsfähig zu machen, sondern erscheint notwendig, um den Euro selbst zu erhalten. Nicht zuletzt Berlin hat in letzter Zeit viel Vertrauen in die Dauerhaftigkeit des Projektes zerstört, wie nicht nur die Presse in Frankreich, Spanien und Italien befindet, sondern auch The Economist, die Times aus New York und führende Blätter in Asien. Findet Europa nicht die Kraft für diesen Schritt zu einer vertieften Union, dann wären tatsächlich alle Hilfspakete umsonst gewesen und das Vertrauen in die gemeinsame Währung würde erodieren.
Die Antwort lautet: Natürlich ist es damit nicht getan. Athen braucht kurzfrstig mehr Geld, mittel- und langfristig braucht es aber vor allem mehr Sicherheit, mehr Stabilität und auch mehr commitment, kurz: mehr Europa. Dasselbe gilt aber auch für die Eurozone als Ganzes.
Griechenland braucht einen Marshallplan und auch einen teilweisen Schuldenerlass, wie vom IWF gefordert, sowie Sicherheit für Bürger und Investoren, dass ein Grexit nun endgültig vom Tisch ist. Doch um diese Sicherheit herzustellen, ohne Tsipras und den von ihm vertretenen staatskapitalistischen Sektoren einen Blankoscheck auszustellen, müssen sich Griechenland und die anderen 18 Euro-Staaten umgehend auf einen verbindlichen Fahrplan hin zu einer Fiskalunion verständigen. Letzteres ist nicht nur unabdingbar, um Griechenland mittelfristig und innerhalb stabiler institutioneller Strukturen als Staat sowie als Bestandteil der Eurozone funktionsfähig zu machen, sondern erscheint notwendig, um den Euro selbst zu erhalten. Nicht zuletzt Berlin hat in letzter Zeit viel Vertrauen in die Dauerhaftigkeit des Projektes zerstört, wie nicht nur die Presse in Frankreich, Spanien und Italien befindet, sondern auch The Economist, die Times aus New York und führende Blätter in Asien. Findet Europa nicht die Kraft für diesen Schritt zu einer vertieften Union, dann wären tatsächlich alle Hilfspakete umsonst gewesen und das Vertrauen in die gemeinsame Währung würde erodieren.
#merkelstreichelt
Ob Bundeskanzlerin Merkel sich gegenüber einer weinenden Schülerin angemessen verhalten habe, bewegt die Republik. Merkel erntet dabei auch Häme. Doch taugt die kurze Szene als Politikum? Nur bedingt! Denn die politisch relevante Frage ist nicht, ob Merkels Verhalten angemessen war. Die politisch relevante Frage lautet, ob unsere Flüchtlings- und Asylpolitik angemessen ist. Das ist sie nicht.
Unsere Flüchtlings- und Asylpolitik ist ökonomisch unsinnig, bürokratisch, zynisch, bigott, unbarmherzig und oft einfach nur grausam. Das alles ist der Kanzlerin bekannt und zwar seit langem. Menschenrechtsorganisationen, Migranten, Bischöfe und unzählige Bürger aus allen Schichten und Milieus haben die Bundeskanzlerin bereits darauf aufmerksam gemacht. Aber vielleicht bedarf es eines solchen öffentlichen Momentes und der damit verbundenen Scham, um sie endlich zum Handeln zu bewegen. Und es wäre so offensichtlich, womit sie beginnen müsste: Wer eine Ausbildung macht, muss Bleiberecht genießen und wer eine (berufliche oder schulische) Ausbildung abschließt, soll dauerhaft in Deutschland bleiben dürfen. Merkel könnte eine solche Maßnahme mit ihrer persönlichen Macht und ihrer erdrückenden parlamentarischen Mehrheit problemlos durchsetzen. Eine solche Regelung wäre noch kein großer Schritt, aber es wäre immerhin ein Anfang.
Unsere Flüchtlings- und Asylpolitik ist ökonomisch unsinnig, bürokratisch, zynisch, bigott, unbarmherzig und oft einfach nur grausam. Das alles ist der Kanzlerin bekannt und zwar seit langem. Menschenrechtsorganisationen, Migranten, Bischöfe und unzählige Bürger aus allen Schichten und Milieus haben die Bundeskanzlerin bereits darauf aufmerksam gemacht. Aber vielleicht bedarf es eines solchen öffentlichen Momentes und der damit verbundenen Scham, um sie endlich zum Handeln zu bewegen. Und es wäre so offensichtlich, womit sie beginnen müsste: Wer eine Ausbildung macht, muss Bleiberecht genießen und wer eine (berufliche oder schulische) Ausbildung abschließt, soll dauerhaft in Deutschland bleiben dürfen. Merkel könnte eine solche Maßnahme mit ihrer persönlichen Macht und ihrer erdrückenden parlamentarischen Mehrheit problemlos durchsetzen. Eine solche Regelung wäre noch kein großer Schritt, aber es wäre immerhin ein Anfang.
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Mittwoch, 15. Juli 2015
#thisisacoup?
#thisisacoup? Dieser Hashtag macht die Runde im Internet. Fragwürdige historische Analogien folgen auf dem Fuß. Es war absehbar, dass linke Dogmatiker nach einer erfolgreichen politischen Verhandlungslösung für ein Hilfspaket wüten würden. Der Begriff "Kompromiss" hat in ihrer Welt ideologischer Reinheit keinen Platz und auch ein vereintes Europa stellt für die revolutionäre Linke wohl letztlich keinen Wert an sich dar. Ein Grexit hätte für die Menschen in Griechenland und wohl auch für viele andere Europäer eine Katastrophe bedeutet. Den linken Eiferern innerhalb und vor allem außerhalb Griechenlands war und ist das alles aber völlig egal. Vermutlich sah man dort einen Zusammenbruch der bestehenden politischen und rechtlichen Strukturen mit den entsprechenden sozialen und humanitären Folgen sogar als notwendig an, um einen sozialrevolutionären Moment auszulösen. Daraus wurde nun nichts. Der Startschuss zur vermeintlichen proletarischen Weltrevolution wurde nicht abgegeben. Stattdessen wirbt nun ein linker Regierungschef für Reformen und schliesst Frieden mit der Realität, um die Bürger seines Landes vor dem Abgrund zu retten. Das alles mag für linksrevolutionäre Kreise frustrierend sein. Wer nun aber geifernd von einem "Putsch" gegen eine demokratisch gewählte griechische Regierung fabuliert, der möge doch einmal kurz darüber nachdenken, dass nicht nur Herr Tsipras über ein demokratisches Mandat verfügte, welches er (leider viel zu spät) zur Kompromissfindung nutzte, sondern auch die Regierungen aller anderen 18 Euro-Staaten.
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Atom-Deal mit Iran
Die Kritiker des Atom-Agreements mit Iran präsentieren viele ernstzunehmende Kritikpunkte, ihre Skepsis gegenüber Teheran ist natürlich nicht unberechtigt. Diese Kritiker bieten aber auch nach all den Jahren der Sanktionen und der mühevollen Verhandlungen noch immer keine Alternative zu einem solchen Deal. Genau das liegt das Problem und genau daraus erwächst ein moralisches und politisches Gebot, es nun mit diesem Deal zu versuchen. Die einzige Alternative zu einer gegenseitigen und öffentlichen Verpflichtung heißt Krieg und das bedeutete in diesem Fall eine volle Intervention, denn ein paar Luftschläge würden ein militärisches Programm nicht dauerhaft stoppen, sondern vermutlich nur beschleunigen und die Hardliner stärken. Eine vertraglich vereinbarte Eindämmung der nuklearen Ambitionen Irans ist einem solchen Szenario ebenso vorzuziehen wie der unbefriedigende und gar gefährliche status quo.
German Mut und Mut zu Europa
Die FDP bekennt sich in ihrem Grundsatzprogramm zum Ziel eines europäischen Bundesstaates, mithin zur Vollendung der Währungsunion durch eine politische Union. Jetzt wäre eigentlich ein guter Zeitpunkt dazu etwas zu sagen. Doch offenbar fehlt dazu der Mut. Und das ausgerechnet in einem entscheidenden Moment, in dem alles, was über Jahrzehnte hinweg erreicht wurde, auf dem Spiel steht. Von einer liberalen Partei erwarte ich, dass sie Avantgarde für den Fortschritt ist, für Reformen wirbt und eine mutige Vision entwickelt. Von einer liberalen Partei erwarte ich, dass sie sich Ressentiments entgegenstellt und nicht nach billigem Beifall heischt. Von einer liberalen Partei erwarte ich mehr, als das, was derzeit geboten wird. Wann, wenn nicht jetzt stehen überzeugte Europäer in der Pflicht und in der Verantwortung, für die Vereinigten Staaten von Europa werben? Der status quo ist unhaltbar geworden. Das wissen mittlerweile alle Beteiligten. Nun geht es entweder vorwärts in Richtung einer demokratisch legitimierten vertieften Union oder zurück in ein Europa konkurrierender Nationalstaaten, eine Welt nach dem Gusto von Vladimir Putin. Das gilt es zu benennen und zu erklären und für die wohlbegründete Grundsatzentscheidung für ein gemeinsames Europa zu werben. Jetzt ist die Zeit! Habt endlich den Mut, mit dem Ihr für Euch werbt!
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Hotpants und Kopftuch
"51 Prozent der Deutschen befürworten laut einer Umfrage ein Verbot knapper Kleidung an weiterführenden Schulen. Jüngere (Anm.: Also die einzigen Betroffenen) haben zu Hotpants eine andere Meinung." (www.zeit.de). Ob diese Umfrage repräsentativ ist, kann ich nicht beurteilen. Ich halte es jedoch nicht für ausgeschlossen. Denn die Neigung, anderen (!) Menschen vorzuschreiben, wie sie zu leben haben, scheint sich langsam durchzusetzen. Und in diesem Sinne würde es mich überhaupt nicht wundern, wenn sich ein Großteil genau dieser 51% auch direkt für ein Kopftuchverbot aussprechen würde. Wiederum dürften die sich in der Minderheit befindenden Betroffenen es anders sehen.
Montag, 13. Juli 2015
Kein schlechter Tag für Europa
Europa hat sich nicht erpressen lassen. Die Radikalen in der griechischen Regierung mussten weichen. Trotz allen Anfeindungen haben die Europäer gemeinsam nach einer Antwort auf eine gemeinsame Bedrohung gesucht und diese letztlich auch gefunden. Der nun gefundene Kompromiss kann (und muss) integraler Bestandteil einer Gesamtlösung der Krise werden, wenn nun endlich Schritte zu einer vertieften politischen Union unternommenen werden, welche die Währungsunion ergänzen und vollenden. Geteilte Verantwortung und geteilte Risiken gehören dazu. Für den Moment hat Europa seine Einigkeit gewahrt und verteidigt. Die bereits gekühlten Sektflaschen im Kreml und in den Parteizentralen der rechten und linken Extremisten werden heute nicht geöffnet werden. Es gab schon schlechtere Tage für Europa.
Freitag, 19. Juni 2015
Waterloo
Heute vor 200 Jahren, am 18. Juni 1815, wurde Major
Heinrich von Brandenstein am Abend des letzten Tages der Gefechte um Waterloo
von einer französischen Kartätschenkugel getroffen, die ihm die linke
Kniescheibe zerschmetterte. Die Familienchronik berichtet: „Dem Einfluss eines
Dr. Langenbeck gelang es, den Schwerverwundeten vor einer Amputation des Beines
zu bewahren. Heinrich August Christian lag bereits auf dem Amputationstische,
als ihn Langenbeck, der nur als Zuschauer zugegen war, fragte, ob er sich ihm
anvertrauen wolle; er hoffe, das Bein erhalten zu können. Mit Freuden ging der
Verwundete darauf ein und blieb so vor der Amputation bewahrt.“
Heinrich hatte seine Einheit als Kommandeur des
braunschweigischen 2. Jägerbataillons, das als Teil der anglo-alliierten
Verbände dem Oberbefehl des Herzogs von Wellington unterstellt war, in der
Schlacht bei Quatrebras am 16. und anschließend bei Waterloo am 18.6.1815 in
den Kampf geführt. In Waterloo endete für Heinrich ein langer Weg. Bereits 1800
war er in das Preußische Inf. -Regim. Herzog von Braunschweig-Oels eingetreten
und hatte ab 1806 an den Kampfhandlungen teilgenommen. Heinrich wurde bei der
Verteidigung Lübecks verwundet und geriet in Kriegsgefangenschaft, aus der er
nach dem Frieden von Tilsit entlassen wurde.
Als sich der Herzog von Braunschweig-Oels im Jahr 1809
entschloss, ins freie England zu fliehen, um den Kampf fortzusetzen, schloss
sich ihm die gesamte Braunschweigische Infanterie an. Die alten Einheiten
wurden aufgelöst und in die britischen Streitkräfte integriert. Auch Heinrichs
jüngerer Bruder Wilhelm ging nach England und besuchte während dreier Jahre die
Militärakademie in Newport. Heinrich und die Braunschweiger hingegen nahmen
1810-14 an den Feldzügen in Portugal, Spanien und Frankreich teil. Am 31. 8.
1813 beim Sturm auf San Sebastian erlitt Heinrich seine zweite Verwundung, am
7. 10. 1813, beim Übergang über die Bidassoa, die dritte, dieses Mal schwere
Verwundung, einen Schuss durch den rechten Oberarm. Erst nach dem Pariser
Frieden, am 10. 11. 1814, traf das Regiment endlich wieder vor Braunschweig
ein, wo es feierlich empfangen wurde. Bereits kurz darauf marschierte Napoleons
Armee erneut und Heinrich sowie sein Bruder Wilhelm zogen ihm mit ihrem
Regiment entgegen bis in die damaligen Niederlande, nach Quatrebras, wo ihr
bewunderter Herzog fiel, und schließlich nach Waterloo.
Heinrich lebte noch bis 1851. Er wurde 1841 als
Generalmajor in den Ruhestand versetzt, 1842 zum Kammernherrn und 1847 zum
Kommandanten der Stadt Braunschweig ernannt. Von seinen schweren Verletzungen
(und wohl auch von den Grauen des Krieges) aber hat er sich nie mehr erholt. Er
alterte früh und starb nach längerer Krankheit. Sein kleiner Bruder Wilhelm,
der nach Waterloo bis nach Paris marschieren sollte, starb bereits 1818 in
Braunschweig.
Heinrich, Wilhelm und ihr ebenfalls in Waterloo auf
preußischer Seite kämpfender Vetter Ferdinand sind heute vor 200 Jahren mit dem
Leben davon gekommen. Man darf annehmen, dass sie heute durchaus davon
beeindruckt wären, dass wir Europäer, und als solche haben sie sich wohl
spätestens unter dem Eindruck des Krieges selbst empfunden, die Spirale von
Sieg und Revanche durchbrochen haben. Frankreich, Deutschland, Spanien,
Portugal, Belgien, die Niederlande, Tschechien, all die Länder in denen sie
kämpften, sind heute – trotz aller Unterschiede und Schwierigkeiten - endlich
vereint in Frieden und Freiheit. Das hätte ihnen wohl gefallen. Was sie erlebt
und durchlitten haben, darf sie nicht wieder wiederholen. Das sind wir ihnen
schuldig. Als glücklicher Nachgeborener trinke ich heute ein Glas auf sie.
Mittwoch, 17. Juni 2015
Die SPD-Generalsekretärin und die Vorratsdatenspeicherung: Eine Bankrotterklärung
"Die SPD ist zu klug, um wegen der Auslegung
mehrerer Grundrechtsartikel ihre Regierungsfähigkeit aufs Spiel zu
setzen." Das warf Yasmin Fahimi,
SPD-Generalsekretärin gestern parteiinternen Kritikern der
Vorratsdatenspeicherung vor die Füße.
Die Generalsekretärin der SPD, immerhin der traditionsreichsten deutschen Partei, ist also tatsächlich der Meinung, man möge sie doch bitte mit diesen blöden Grundrechten und dieser überbewerteten Verfassung in Ruhe lassen, denn hier ginge es schließlich um den Zugang zu Machtressourcen? Gut zu wissen!
Man reibt sich die Augen. Hat Frau Fahimi das wirklich gesagt? Es sind Sätze wie dieser, die wohl nicht nur SPD-Pressesprechern und Verfassungsrechtlern, sondern Bürgern und vielen engagierten Menschen (auch und gerade in der SPD) einen kalten Schauer über den Rücken laufen lassen. Es sind Sätze wie dieser, die dafür sorgen, dass Politik von immer mehr Menschen als schmutziges Geschäft und Politiker als zynische Opportunisten angesehen werden. Eine solche Aussage ist eine Bankrotterklärung. Insgesamt schade!
Die Generalsekretärin der SPD, immerhin der traditionsreichsten deutschen Partei, ist also tatsächlich der Meinung, man möge sie doch bitte mit diesen blöden Grundrechten und dieser überbewerteten Verfassung in Ruhe lassen, denn hier ginge es schließlich um den Zugang zu Machtressourcen? Gut zu wissen!
Man reibt sich die Augen. Hat Frau Fahimi das wirklich gesagt? Es sind Sätze wie dieser, die wohl nicht nur SPD-Pressesprechern und Verfassungsrechtlern, sondern Bürgern und vielen engagierten Menschen (auch und gerade in der SPD) einen kalten Schauer über den Rücken laufen lassen. Es sind Sätze wie dieser, die dafür sorgen, dass Politik von immer mehr Menschen als schmutziges Geschäft und Politiker als zynische Opportunisten angesehen werden. Eine solche Aussage ist eine Bankrotterklärung. Insgesamt schade!
Dienstag, 16. Juni 2015
Griechenland und die Gretchenfrage der europäischen Politik: Können wir uns einen failed state mitten in Europa leisten?
Athen spielt auf Zeit. Tsipras versucht, den Preis eines Grexit weiter nach oben zu
treiben und die Reformauflagen der Troika zu verwässern. Es ist ein
durchschaubares Spiel und man darf sich durchaus fragen, ob gerade dieser
Regierung ein solches Erpressungspotential zugestanden werden darf. Doch bei allem Ärger
über das Verhalten von Tsipras und Varoufakis gilt es nun, über den Rand des
Taktierens und der oft demoskopiegesteuerten Tagespolitik hinauszusehen und
die strategischen Folgen (und Kosten) eines Grexit zu bewerten. Doch just dieses Diskussion wird tunlichst vermieden. Die möglichen politischen und strategischen Folgen eines Grexit werden in der öffentlichen Diskussion
meist gar nicht und wenn dann am Rande thematisiert. Gerade im Hinblick auf Deutschland muss man in dieser Frage eine gewisse Sorglosigkeit der Politik feststellen. Das irritiert angesichts dessen, was tatsächlich auf dem Spiel steht.
Natürlich hat das Verhalten der griechischen Seite über Jahre hinweg zu einem berechtigten Verdruss von Wählern und Regierenden geführt. Doch entbindet diese Ermüdung von der Verantwortung für das Ganze, für die Sicherheit in Europa? Dem ist nicht so und daher muss sich die politische Öffentlichkeit im Angesicht eines griechischen Defaults dringender denn je einer ehrlichen Risikenbewertung stellen. Und alle Freude über die vermeintliche ökonomische Beherrschbarkeit eines Grexit durch die neu geschaffenen EU-Stabilierungsmechanismen - und -instrumente kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass eine solche Bewertung düster ausfallen muss.
Natürlich hat das Verhalten der griechischen Seite über Jahre hinweg zu einem berechtigten Verdruss von Wählern und Regierenden geführt. Doch entbindet diese Ermüdung von der Verantwortung für das Ganze, für die Sicherheit in Europa? Dem ist nicht so und daher muss sich die politische Öffentlichkeit im Angesicht eines griechischen Defaults dringender denn je einer ehrlichen Risikenbewertung stellen. Und alle Freude über die vermeintliche ökonomische Beherrschbarkeit eines Grexit durch die neu geschaffenen EU-Stabilierungsmechanismen - und -instrumente kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass eine solche Bewertung düster ausfallen muss.
Denn durch einen Grexit stiege die Gefahr, dass an Europas
verwundbarer Südost-Flanke eine Art failed state entsteht, der in seiner verzweifelten
Lage wohl allzu leicht in die Umlaufbahn autokratischer Regime geraten würde.
Nach einem Default würde Griechenland wahrscheinlich nicht nur die Eurozone,
sondern auch die EU und mit einiger Sicherheit die Nato verlassen. Und es ist mehr
als wahrscheinlich, dass sich nach einem Euro-Ausschluss Griechenlands, der
unweigerlich einen wirtschaftlichen und politischen Notstand nach sich zöge,
ein gegen den Westen gerichteter nationalistischer Furor Bahn bräche. Ein
instabiles und zahlungsunfähiges Griechenland, in dem aufgrund der erwartbar
drastischen Abwertung einer wiedereingeführten Drachme die gesamten
Importstrukturen und damit die Produktionsketten zusammenbrächen, müsste unter
allen Umständen einen Kapitalgeber suchen, der weitreichende politische
Forderungen geltend machen könnte. Mit dem aggressiven Russland und dem
expansiven China stünden aber gleich zwei potentielle Investoren bereit, für die das
geostrategisch bedeutsame Griechenland einen hohen Wert besäße. Ein
Interesse an dringend notwendigen marktwirtschaftlichen und demokratischen
Reformen in Griechenland kann man weder Moskau noch Peking unterstellen. Ja,
nicht einmal die Aufrechterhaltung der Rechtsstaatlichkeit und der griechischen
Demokratie selbst läge im Interesse eines derartigen strategischen Investoren.
Dass nach einem Grexit im Kreml die Sektkorken knallen würden, muss jedem klar sein. Nicht die Nato sieht Putin als eigentliche Bedrohung, sondern eine starke und einige Europäische Union, deren Anziehungskraft weit nach Osteuropa hineinstrahlt. Eine Schwächung der EU und der europäischen Wertegemeinschaft wird von Putin angestrebt. Griechenland könnte der Spaltpilz sein, den er braucht. Eine solche Investition käme Moskau wesentlich günstiger als ein Rüstungswettkampf mit dem Westen, den man schon einmal verloren hat.
Zu welchen Weitungen ein durch Moskau unterstütztes nationalistisch aufgeladenes Griechenland auf dem westlichen Balkan führen würde, wäre aber gar nicht abzusehen. Mit einer Destabilisierung der Lage in Mazedonien und Bosnien-Herzegowina und einer Abkehr Serbiens von einer europäischen Perspektive müsste ernsthaft gerechnet werden. Die durch die Klammern Nato und EU leidlich geordneten Beziehungen zwischen Griechenland und der Türkei würden schwersten Turbulenzen ausgesetzt. Zypern liegt in direkter Nachbarschaft zu Syrien und auch Damaskus ist nur knapp zwei Flugstunden von Athen entfernt.
Dass nach einem Grexit im Kreml die Sektkorken knallen würden, muss jedem klar sein. Nicht die Nato sieht Putin als eigentliche Bedrohung, sondern eine starke und einige Europäische Union, deren Anziehungskraft weit nach Osteuropa hineinstrahlt. Eine Schwächung der EU und der europäischen Wertegemeinschaft wird von Putin angestrebt. Griechenland könnte der Spaltpilz sein, den er braucht. Eine solche Investition käme Moskau wesentlich günstiger als ein Rüstungswettkampf mit dem Westen, den man schon einmal verloren hat.
Zu welchen Weitungen ein durch Moskau unterstütztes nationalistisch aufgeladenes Griechenland auf dem westlichen Balkan führen würde, wäre aber gar nicht abzusehen. Mit einer Destabilisierung der Lage in Mazedonien und Bosnien-Herzegowina und einer Abkehr Serbiens von einer europäischen Perspektive müsste ernsthaft gerechnet werden. Die durch die Klammern Nato und EU leidlich geordneten Beziehungen zwischen Griechenland und der Türkei würden schwersten Turbulenzen ausgesetzt. Zypern liegt in direkter Nachbarschaft zu Syrien und auch Damaskus ist nur knapp zwei Flugstunden von Athen entfernt.
Worst-Case? Ja, das mag sein und doch kann und will bisher niemand einschätzen, wie hoch das Risiko ist, dass dieses Szenario genauso eintritt. Mit einem prosperierenden und stabilisierenden Griechenland aber sollte nach einem Grexit aber niemand mehr ernsthaft rechnen, auch dann nicht, wenn auch nach dem Grexit erneut Milliarden in Nothilfe und Schadensbegrenzung investiert werden. Die Bedrohung eines solchen failed state ist real und letztlich hängt es an einem Regime wie Putins Russland selbst ab, ob es eine solche Investition stemmen oder nur damit drohen möchte. Soll sich Europa in diese Erpressbarkeit ergeben? Und so ist letztlich dies tatsächlich die Gretchenfrage der europäischen
Politik: Können wir uns in der gegenwärtigen Lage einen failed state mitten in
Europa leisten? Ich denke, diese Frage muss man unter allen Umständen
verneinen.
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Donnerstag, 21. Mai 2015
Die Ukraine und auch Georgien brauchen eine europäische Perspektive
Kurz vor einem Gipfeltreffen der EU mit ihren östlichen
Partnern hat Bundeskanzlerin Angela Merkel Hoffnungen der Ukraine und Georgiens
auf einen Beitritt zur Europäischen Union frustriert. Die
EU-Nachbarschaftspolitik sei kein Instrument zur Erweiterung der EU, so Merkel
im Bundestag. Diese Aussage erscheint vorschnell, unnötig und inhaltlich
einigermaßen apodiktisch. Die deutsche Bundeskanzlerin droht, einen
folgenschweren strategischen Fehler zu begehen, der letztlich wohl einmal
wieder ihrem auf Umfragen verengten Blick geschuldet ist.
Die Ukraine und auch Georgien brauchen eine europäische
Perspektive. Ohne diese Perspektive auf einen EU-Beitritt wird es keine
Reformen geben und auch keinen Frieden, ohne diese Perspektive blieben die
beiden Nationen dauerhaft im erpresserischen Würgegriff Putins und die
Bevölkerungen dieser beiden europäischen Länder würden in einen Abgrund der
Hoffnungslosigkeit gestoßen. Letztlich würde die Bundesregierung mit einer
Absage an die europäischen Ambitionen der Ukraine und Georgiens den
Herrschaftsanspruch Moskaus über souveräne Staaten im Osten Europas zumindest
implizit akzeptieren. Zumindest wäre das die Interpretation des Kremls. Es ist
absehbar, welche Schritte Moskau aus so einer Interpretation der europäischen
Verhältnisse ableiten würde.
Die Politik der europäischen Perspektive für die jungen
Reformdemokratien in der Nachbarschaft der EU darf nicht aufgegeben werden.
Diese Politik wird in Südost-Europa und auf dem westlichen Balkan übrigens seit vielen Jahren praktiziert. Und das durchaus mit
Erfolg. Die Bundesregierung muss also jeden Eindruck vermeiden, doppelte
Standards setzen und die Menschen in der Ukraine und Georgien im Stich lassen
zu wollen. Das europäische Einigungsprojekt steht grundsätzlich allen offen,
welche die heute ohnehin sehr hohen Anforderungen für einen Beitritt erfüllen. Eine
Abkehr von diesem Prinzip bedeutete eine Abkehr von Europa selbst.
Montag, 18. Mai 2015
Kontrollverlust
„Unionsfraktionschef Kauder beschwert sich in der BND-Affäre
über "schrille Töne aus der SPD-Parteizentrale". CDU-Vize Laschet
wirft den Sozialdemokraten indirekt vor, die Sicherheit Deutschlands aufs Spiel
zu setzen. Auch CSU-Chef Seehofer greift Gabriel massiv an.“ So titelt heute
nicht nur die Süddeutsche Zeitung, sondern fast jede relevante und überregionale
Zeitung in Deutschland. Nicht mal mehr einen halben Schritt sind
Spitzenpolitiker von CDU/CSU und SPD also noch davon entfernt, sich gegenseitig
Landesverrat vorzuwerfen. Der Kontrollverlust des Kanzleramtes beschränkt sich
längst nicht mehr auf die deutschen Geheimdienste, sondern auf die
Bundesregierung selbst. Man muss es beim Namen nennen: Seit 1982 war keine
Koalition derart zerrüttet und zerstritten. Wenn nicht innerhalb von Tagen
relevante Schritte zur Aufklärung dieser Staatsaffäre erfolgen, wird die
Regierungschefin ihre Autorität und ihre Glaubwürdigkeit nie mehr ganz
zurückgewinnen. Dann ist die Implosion des schwarz-roten Bündnisses nicht mehr
zu stoppen.
Dienstag, 31. März 2015
Putins französisches Experiment - Front National bleibt auf dem Vormarsch
Der Front National konnte bei den Wahlen am vergangenen Sonntag kein Departement für sich gewinnen. Die von Vladimir Putin mit 40 Millionen finanzierten Rechtsextremisten bleiben aber auf dem Vormarsch und haben sich im gesamten Land als mittelgroße Partei etabliert. Auch wenn der FN von einem Wahlsieg auf nationaler Ebene noch weit entfernt scheint, so hat sich diese Investition für den Kreml daher doch bereits ausgezahlt.
Bis vor kurzem hatte sich Putins Regime noch darauf beschränkt, nur einzelne politische Persönlichkeiten und diverse Altpolitiker auf die payroll zu setzen statt ganze politische Bewegungen zu finanzieren. Lange Zeit schienen solche beschränkten Investitionen in vermeintliche Meinungsführer effizienter. Die Erfolge dieser Strategie erweisen sich mittlerweile jedoch als sehr begrenzt. Die Lobbyisten des Kreml konnten weder ihre Parteien noch die Bevölkerung ihrer Heimatländer überzeugen.
Die indirekte politische Einflussnahme über die Kader von erfolgreichen Protestparteien, die nicht nur den allgemeinen Verdruss über die ökonomische Krise und die EU, sondern auch Fremdenfeindlichkeit und Nationalismus mit einer Hinwendung zum antiwestlichen Messias Putin verbinden, erscheint hingegen mehr als vielversprechend. Es steht daher zu erwarten, dass nach dem Erfolg des französischen Experiments nun weitere umfangreiche russische Unterstützungsleistungen für rechtsextremistische Parteien in ganz Westeuropa folgen werden.
Bis vor kurzem hatte sich Putins Regime noch darauf beschränkt, nur einzelne politische Persönlichkeiten und diverse Altpolitiker auf die payroll zu setzen statt ganze politische Bewegungen zu finanzieren. Lange Zeit schienen solche beschränkten Investitionen in vermeintliche Meinungsführer effizienter. Die Erfolge dieser Strategie erweisen sich mittlerweile jedoch als sehr begrenzt. Die Lobbyisten des Kreml konnten weder ihre Parteien noch die Bevölkerung ihrer Heimatländer überzeugen.
Die indirekte politische Einflussnahme über die Kader von erfolgreichen Protestparteien, die nicht nur den allgemeinen Verdruss über die ökonomische Krise und die EU, sondern auch Fremdenfeindlichkeit und Nationalismus mit einer Hinwendung zum antiwestlichen Messias Putin verbinden, erscheint hingegen mehr als vielversprechend. Es steht daher zu erwarten, dass nach dem Erfolg des französischen Experiments nun weitere umfangreiche russische Unterstützungsleistungen für rechtsextremistische Parteien in ganz Westeuropa folgen werden.
Gauweiler tritt zurück
Seit seinem Amtsantritt setzt Seehofer immer wieder darauf, rechtspopulistische Geschmacksmuster mit Stammtischparolen zu bedienen. Gauweiler passte in diese Strategie. Im Jahr 2009 sollte er nach dem Willen Seehofers gar Spitzenkandidat der CSU für die Europawahlen werden und mit nationalkonservativer EU-Kritik Stimmen für die in den Landtagswahlen des Vorjahres deklassierten Christsozialen holen. Gauweiler jedoch hatte dazu keine Lust. Die Rolle als frei schwebender Radikaler gefiel ihm einfach besser. Auch in den Folgejahren ließ sich Gauweiler von Seehofer nie so kontrolliert vor den Karren spannen, wie dieser sich das vorgestellt hatte. Gauweiler blieb unberechenbar. Bis zu diesem Schluss.
Mittwoch, 18. März 2015
Angriff auf EZB - In Kern und Methode totalitär
Im Gegensatz zu den breit aufgestellten Bürgerbewegungen gegen Rassismus und Gewalt ist der sogenannte "Widerstand" gegen die EZB nicht bunt. Die Gewalttäter sind schwarz uniformiert wie die SS, sie tragen Gesichtsmasken wie normale Verbrecher. Ganz unbeabsichtigt ist das offensichtlich nicht und man fragt sich doch, wer (personell) oder was (inhaltlich) die örtliche NPD davon abhalten sollte, mit vollem Einsatz und aus tiefster Überzeugung an dieser Orgie der Zerstörung und Gewalt teilzuhaben. Denn der weder spontane noch durch ein konkretes politisches Ereignis ausgelöste Angriff auf die EZB ist in seinem Kern und in seinen Methoden totalitär. Sein Ziel ist nicht ohne Zufall eine (trotz aller berechtigten Kritik an Einzelentscheidungen) funktionierende europäische Institution. Europa aber als westlich-liberales Projekt, als Raum der Freiheit, als Antwort auf die Globalisierung und nicht zuletzt als Gegenmodell zu autoritären Herrschaftsmodellen in der Welt ist das gemeinsame Feindbild all jener, die auch mit brutaler Gewalt und Intoleranz vorzugehen bereit sind, um ihren Anspruch auf totalitäre Menschheitsbeglückung durchzusetzen.
Dienstag, 3. März 2015
Edathy - Von juristischen und moralischen Kategorien
Herr Edathy bestätigt die von ihm zuvor kategorisch abgestrittenen Vorwürfe der Staatsanwaltschaft und gibt zu Protokoll, dass er bereue. Eine Schuld habe er damit aber nicht eingestanden. Auch wenn man Justizschelte grundsätzlich für etwas wohlfeil hält, so darf man zumindest dieses persönliche Verhalten Edathys wohl doch als insgesamt schwierig empfinden. Durch Reue, Schuldeinsicht und eine Entschuldigung bei den Opfern eines grauenhaften Systems von Kindesmissbrauch hätte Herr Edathy zumindest eine gewisse symbolische Wiedergutmachung geleistet. Er hätte auch die Chance gehabt, mit sich selbst ins Reine zu kommen. Aber das alles sind keine juristischen Kategorien, sondern ethisch-moralische. Juristisch wurde das Verfahren eingestellt, Herr Edathy ist nicht vorbestraft. Was ich allerdings auch im Hinblick auf die durch den Rahmen des Gesetzes und der Strafprozessordnung durchaus mögliche gerichtliche Einigung nicht nachvollziehen kann, ist der Umstand, dass Herr Edathy offenbar nicht auf die Auflage verpflichtet wurde, eine dauerhafte Therapie durchzuführen. An diesem Punkt stellt sich letztlich doch die Frage, ob man im Zuge dieser Einigung die Interessen der Opfer und ihrer Familien, und auch die Interessen der von Missbrauchskriminalität betroffenen und verunsicherten Gesamtgesellschaft, im ausreichenden Maße berücksichtigt hat.
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