Heute vor 200 Jahren, am 18. Juni 1815, wurde Major
Heinrich von Brandenstein am Abend des letzten Tages der Gefechte um Waterloo
von einer französischen Kartätschenkugel getroffen, die ihm die linke
Kniescheibe zerschmetterte. Die Familienchronik berichtet: „Dem Einfluss eines
Dr. Langenbeck gelang es, den Schwerverwundeten vor einer Amputation des Beines
zu bewahren. Heinrich August Christian lag bereits auf dem Amputationstische,
als ihn Langenbeck, der nur als Zuschauer zugegen war, fragte, ob er sich ihm
anvertrauen wolle; er hoffe, das Bein erhalten zu können. Mit Freuden ging der
Verwundete darauf ein und blieb so vor der Amputation bewahrt.“
Heinrich hatte seine Einheit als Kommandeur des
braunschweigischen 2. Jägerbataillons, das als Teil der anglo-alliierten
Verbände dem Oberbefehl des Herzogs von Wellington unterstellt war, in der
Schlacht bei Quatrebras am 16. und anschließend bei Waterloo am 18.6.1815 in
den Kampf geführt. In Waterloo endete für Heinrich ein langer Weg. Bereits 1800
war er in das Preußische Inf. -Regim. Herzog von Braunschweig-Oels eingetreten
und hatte ab 1806 an den Kampfhandlungen teilgenommen. Heinrich wurde bei der
Verteidigung Lübecks verwundet und geriet in Kriegsgefangenschaft, aus der er
nach dem Frieden von Tilsit entlassen wurde.
Als sich der Herzog von Braunschweig-Oels im Jahr 1809
entschloss, ins freie England zu fliehen, um den Kampf fortzusetzen, schloss
sich ihm die gesamte Braunschweigische Infanterie an. Die alten Einheiten
wurden aufgelöst und in die britischen Streitkräfte integriert. Auch Heinrichs
jüngerer Bruder Wilhelm ging nach England und besuchte während dreier Jahre die
Militärakademie in Newport. Heinrich und die Braunschweiger hingegen nahmen
1810-14 an den Feldzügen in Portugal, Spanien und Frankreich teil. Am 31. 8.
1813 beim Sturm auf San Sebastian erlitt Heinrich seine zweite Verwundung, am
7. 10. 1813, beim Übergang über die Bidassoa, die dritte, dieses Mal schwere
Verwundung, einen Schuss durch den rechten Oberarm. Erst nach dem Pariser
Frieden, am 10. 11. 1814, traf das Regiment endlich wieder vor Braunschweig
ein, wo es feierlich empfangen wurde. Bereits kurz darauf marschierte Napoleons
Armee erneut und Heinrich sowie sein Bruder Wilhelm zogen ihm mit ihrem
Regiment entgegen bis in die damaligen Niederlande, nach Quatrebras, wo ihr
bewunderter Herzog fiel, und schließlich nach Waterloo.
Heinrich lebte noch bis 1851. Er wurde 1841 als
Generalmajor in den Ruhestand versetzt, 1842 zum Kammernherrn und 1847 zum
Kommandanten der Stadt Braunschweig ernannt. Von seinen schweren Verletzungen
(und wohl auch von den Grauen des Krieges) aber hat er sich nie mehr erholt. Er
alterte früh und starb nach längerer Krankheit. Sein kleiner Bruder Wilhelm,
der nach Waterloo bis nach Paris marschieren sollte, starb bereits 1818 in
Braunschweig.
Heinrich, Wilhelm und ihr ebenfalls in Waterloo auf
preußischer Seite kämpfender Vetter Ferdinand sind heute vor 200 Jahren mit dem
Leben davon gekommen. Man darf annehmen, dass sie heute durchaus davon
beeindruckt wären, dass wir Europäer, und als solche haben sie sich wohl
spätestens unter dem Eindruck des Krieges selbst empfunden, die Spirale von
Sieg und Revanche durchbrochen haben. Frankreich, Deutschland, Spanien,
Portugal, Belgien, die Niederlande, Tschechien, all die Länder in denen sie
kämpften, sind heute – trotz aller Unterschiede und Schwierigkeiten - endlich
vereint in Frieden und Freiheit. Das hätte ihnen wohl gefallen. Was sie erlebt
und durchlitten haben, darf sie nicht wieder wiederholen. Das sind wir ihnen
schuldig. Als glücklicher Nachgeborener trinke ich heute ein Glas auf sie.