Gestern gab es wieder die unvermeidlichen Diskussionen um die doppelte Staatsbürgerschaft. Und als die Köpfe heiß und wohl auch schon ein wenig leer waren, kamen die ebenso unvermeidlichen Phrasen im Stile von "Loyalität ist unteilbar", "Man kann nur ein Land lieben" und "Wir befördern Identitätskonflikte". Es ist so unendlich ermüdend. So ermüdend, dass ich statt einer Fortführung dieses fruchtlosen Austausches lieber zu einem Buch gegriffen habe. Es traf Reich-Ranicki "Mein Leben". Das erste Kapitel trägt den Namen: "Was sind sie denn eigentlich?"
Reich-Ranicki beschreibt darin ein Ereignis aus dem Jahre 1958. Auf einer Tagung der Gruppe 47 verwickelte ihn ein junger Mann "selbstsicher und etwas aufmüpfig" (Grass) in ein Gespräch und bedrängt Reich-Ranicki fast umgehend mit einer direkten und ungenierten Frage: "Was sind Sie denn nun eigentlich - ein Pole, ein Deutscher, oder wie?"
Reich-Ranicki: "Die Worte "oder wie" deuteten wohl noch auf eine dritte Möglichkeit hin. Ich antwortete rasch:"Ich bin ein halber Pole, ein halber Deutscher und ein ganzer Jude."
Grass schien überrascht, doch war er offensichtlich zufrieden, ja beinahe entzückt:"Kein Wort mehr, Sie könnten dieses schöne Bonmot nur verderben".
Zitat Ende
Reich-Ranicki hat uns Deutsche viel gelehrt. Wir müssen dankbar sein, dass wir so einen Lehrer hatten.
Und sonst? Eine vermeintliche Sozialdemokratisierung der Innen- und Gesellschaftspolitik der CDU kann wohl nur von der Pius-Brüderschaft und der Burschenschaftlichen Gemeinschaft zusammenkonstruiert werden.
Nichtsdestotrotz ist natürlich eine gewisse Angleichung der beiden Volksparteien unverkennbar. Doch ist dies tatsächlich auf eine "Sozialdemokratisierung der CDU" zurückzuführen? Würde ein Brandt, ein Schumacher oder gar ein Bebel heute der CDU beitreten? Wohl kaum! Und hat die CDU ihren Anspruch, die eigentliche Staatspartei zu sein und (wenn irgend möglich) die gesamte politische Rechte einzubinden, aufgegeben? Auch das ist nicht der Fall!
Zumindest in methodischer Hinsicht hat aber tatsächlich eine Angleichung stattgefunden. Hier kopiert die SPD allerdings die CDU statt andersherum. Die SPD von Kurt Schumacher und Willy Brandt stellte Grundsätze, man könnte durchaus auch von politischer Moral sprechen, meist über die Macht. Dieser Primat der Inhalte über das Ziel einer Beteiligung an der Macht ist in diesen Tagen nicht mehr eindeutig zu erkennen. Die SPD-Spitze scheint offenbar entschlossen, notfalls nahezu jede Position zu räumen und notfalls auch mit jeder politischen Kraft zu koalieren. Die neue SPD kopiert damit tatsächlich die stets von oben geführte Machtmaschine CDU. Man sieht es mit Staunen.
Nichtsdestotrotz ist natürlich eine gewisse Angleichung der beiden Volksparteien unverkennbar. Doch ist dies tatsächlich auf eine "Sozialdemokratisierung der CDU" zurückzuführen? Würde ein Brandt, ein Schumacher oder gar ein Bebel heute der CDU beitreten? Wohl kaum! Und hat die CDU ihren Anspruch, die eigentliche Staatspartei zu sein und (wenn irgend möglich) die gesamte politische Rechte einzubinden, aufgegeben? Auch das ist nicht der Fall!
Zumindest in methodischer Hinsicht hat aber tatsächlich eine Angleichung stattgefunden. Hier kopiert die SPD allerdings die CDU statt andersherum. Die SPD von Kurt Schumacher und Willy Brandt stellte Grundsätze, man könnte durchaus auch von politischer Moral sprechen, meist über die Macht. Dieser Primat der Inhalte über das Ziel einer Beteiligung an der Macht ist in diesen Tagen nicht mehr eindeutig zu erkennen. Die SPD-Spitze scheint offenbar entschlossen, notfalls nahezu jede Position zu räumen und notfalls auch mit jeder politischen Kraft zu koalieren. Die neue SPD kopiert damit tatsächlich die stets von oben geführte Machtmaschine CDU. Man sieht es mit Staunen.