Willkommen auf dem Blog von Philipp v. Brandenstein: Schwerpunktthemen sind deutsche und internationale Politik sowie Integration, Migration, Vielfalt und die Zukunft der offenen Gesellschaft.
Montag, 7. September 2015
Gesellschaftlicher Wandel: Deutschland und die Flüchtlinge
Was für ein erstaunliches Land dieses Deutschland doch sein kann. Man
gewinnt in diesen Tagen den Eindruck, dass dieses Land sich gerade neu
erfindet, sein Selbstverständnis, seine gesamte Identität um
entscheidende humanistische Komponenten erweitert. Das Deutschland
dieser Tage scheint seinen Stolz nicht mehr aus Triumphgeschrei, sondern
aus ganz selbstverständlicher und unverkrampfter Weltoffenheit, aus
fast schwereloser unprätentiöser Mitmenschlichkeit und Großzügigkeit zu
beziehen. Darüber darf man vielleicht wirklich ein bisschen glücklich
sein, vielleicht sogar ein wenig stolz. Allzu (selbst-) zufrieden
sollten wir nicht sein; nicht solange noch immer Asylbewerberunterkünfte
in Brand gesteckt werden und Rassisten um die Macht der Straße kämpfen.
Aber auch dieser Hass von den Rändern kann nicht verdecken, was für ein
wundersamer gesellschaftlicher Wandel sich in diesem Spätsommer in
Deutschland manifestiert. Fast unnötig festzustellen, dass dieser Wandel
nicht vom Staat oder vom politischen Teilsystem angestoßen wurde,
sondern von den wichtigsten und zentralen gesellschaftlichen Akteuren,
den Bürgern. Diese Bürger haben sich als viel großherziger und
weltoffener gezeigt als dies die Demoskopen und Strategen in den
Ministerien und Parteizentrale je für möglich gehalten hätten. Viele
grundlegende Annahmen dieser Wählerstimmenmaximierer, die politische
Ethik oftmals für nostalgisch-rührseligen Ballast halten, sind praktisch
über Nacht obsolet geworden. Man wird sie an (vermeintlich) neue
gesellschaftliche Anforderungen anpassen müssen. Vielleicht ist dies die
schönste Nachricht in diesen bemerkenswerten Tagen.
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