Willkommen auf dem Blog von Philipp v. Brandenstein: Schwerpunktthemen sind deutsche und internationale Politik sowie Integration, Migration, Vielfalt und die Zukunft der offenen Gesellschaft.
Mittwoch, 10. August 2016
Populismus ist die Negation der Politik - Grund genug, sich die politische Agenda nicht von Populisten diktieren zu lassen
Angesichts mancher Wortmeldungen und Vorstöße der letzten Zeit fragt man
sich langsam doch, ob wir in Deutschland nicht langsam in
"österreichische Verhältnisse" abdriften. Die politische Agenda wird
dort schon längst von der extremen Rechten entworfen und haben diese
fragwürdigen Stichwortgeber erst einmal einen Stein ins Rollen gebracht,
laufen nahezu alle relevanten Akteure verzweifelt hinterher und
versuchen, die Populisten in Ton und Inhalt zu imitieren. Gerade in
Österreich hat sich aber auch längst
bewiesen, dass ÖVP und SPÖ diesen Profilierungswettberb mit der FPÖ
nicht gewinnen können, sondern diese nur stärken. Erschöpft, verzweifelt
und orientierungslos, wie sie nach langen Jahren unter dem Druck
ständiger Erosion geworden sind, finden sie trotzdem nicht die Kraft,
aus dieser Spirale auszubrechen. Nicht nur in den ostdeutschen
Bundesländern ist die AfD gar nicht mehr soweit davon entfernt, jene
Rolle im politischen Agenda Setting einzunehmen, die sich die FPÖ durch
das Anschüren primitiver Ressentiments sowie durch eine manchmal
geradezu bizarre Scham- und Skrupellosigkeit erarbeitet hat. Die Markus
Söders und Sarah Wagenknechts laufen den Rechtspopulisten schon lange
hinterher. Mittlerweile experimentieren aber auch Politiker aus der
bürgerlichen Mitte und aus der Sozialdemokratie damit, aus den Brunnen
zu schöpfen, die von den Feinden der offenen Gesellschaft vergiftet
wurden. Dieses Fischen im Trüben rächt sich garantiert. Schon der
Versuch ist schädlich und letztlich ein kopfloser Raubbau an der eigenen
Substanz und Identität. Haben wir es angesichts all dessen, was in
Deutschland und Europa erreicht wurde, tatsächlich nötig uns von
kleinmütigen, von Neid, Hass und Versagensängsten zerfressenen
Panikmachern treiben zu lassen? Sicher nicht. Konservative,
Sozialdemokraten, Grüne und Liberale sind gut beraten, sich der Lösung
realer Herausforderungen anzunehmen anstatt sich von destruktiven
populistischen Stichwortgebern in die Irre führen zu lassen. Wenn
Politik die Lösung von Problemen und Konflikten darstellt, dann ist
Populismus nichts anderes als die Negation von Politik. In dieser
Negation liegt eine ungeheure Versuchung: Komplexität wird reduziert,
Schuldige sind schnell gefunden, all die Zumutungen und Irritationen der
Pluralität verschwinden. Doch wer sich dieser Versuchung hingibt,
entzieht der Demokratie die Grundlage.