Führende deutsche Intellektuelle, wie der kompromisslose
Gesellschaftskritiker Stefan Effenberg, mahnen entschieden eine Wertedebatte
an. Konkret und beispielgebend geht es um die Werte des DFB. Effenberg
erscheint manchen als unerwarteter Verbündeter für dieses Anliegen, aber der
von ihm signalisierte Bedarf ist nicht von der Hand zu weisen. Die Qualität
einer solchen Debatte hängt aber von der Bestandsaufnahme ab. Wie also ist der
Stand?
Ein deutscher Sportverband, auf den sich in den vergangenen
Jahrzehnten wirklich jeder blutrünstige Diktator im In- und Ausland verlassen
konnte, ein Fußballverband, welcher dem faschistischen Militärdiktator Videla
ebenso einen Persilschein ausstellte wie dem gegenwärtigen russischen
Autokraten und gegen welchen die Frankfurter Staatsanwalt augenblicklich wegen des
Verdachts der Steuerhinterziehung in einem besonders schweren Fall ermittelt
(der einschlägige Straftatbestand der Bestechung ist verjährt) beteiligt sich
mit großem Enthusiasmus an einem Turnier, welches der Weltverband FIFA
ausrichtet, der von der unabhängigen und rechtsstaatlichen Jurisdiktion
mehrerer demokratischer Länder in die Kategorie der organisierten Kriminalität
gerückt wird. Diesem Weltverband FIFA, der Milliarden umsetzt, aber keine
Steuern zahlt und ein wahrer Tummelplatz für Wirtschaftskriminelle und die
Entourage korrupte Autokraten ist, gehört der deutsche Verband weiterhin an und
findet rein gar nichts dabei. An einer Aufklärung der kriminellen
Machenschaften der FIFA hat der DFB bisher kein gesteigertes Interesse gezeigt.
Man weiß beim DFB wahrscheinlich warum.
Das Turnier, von dem die Rede ist, findet im diktatorisch
regierten Russland statt und dient einem diktatorischen Potentaten als
Propagandaplattform. In Russland werden Oppositionelle und kritische
Journalisten verfolgt und wandern nicht selten ins Gefängnis. Manche werden
ermordet, manche verschwinden einfach. Der deutscher ARD-Journalist Hajo
Seppelt, der wegen seiner Doping-Enthüllungen der russischer Regierung als „Staatsfeind“
gilt, reist auf Anraten von Sicherheitsbehörden nicht zur Fußball-WM. Es wird
bestimmt ein schönes Fest. Wer braucht da so einen Spielverderber. Apropos: Dass
in Russland Staatsdoping in systematischer Weise betrieben wird, ist bekannt.
Auch das irritiert beim DFB und der FIFA niemanden.
Das letzte Sportgroßereignis im eigenen Land nutzte eben
dieser Diktator, um einen Angriff auf sein Nachbarland vorzubereiten und dieses
nach geglückter Kommandoaktion in Teilen völkerrechtswidrig zu annektieren. Zum
ersten Mal seit 1945 wurden die Grenzen Europas mit militärischer Gewalt
verändert. Der DFB oder die FIFA fanden das nicht so schlimm. Man bereitete
schließlich ein Fußballturnier in Russland statt. Da muss man so einen
Angriffskrieg eben auch sportlich sehen.
Soweit die (nicht vollständige) Bestandsaufnahme, soweit die
Lage. Nun können wir eine Wertedebatte führen, innerhalb deren auch gerne
geklärt werden darf, was Herrn Özil und Herrn Gündogan geritten hat, sich für
ein kriecherisches Bild mit einem Diktator in the making herzugeben. Vielleicht
dachten sie ja, dass ein solches Verhalten für den DFB kein Problem darstellen
würde. Wie kamen die beiden nur auf so etwas Abwegiges...?