Der Beitrag erschien am 7. Mai 2013 auf www.migazin.de:
http://www.migazin.de/2013/05/07/macht-die-achse-guten/
"Blogger und Echtzeitpublizisten leisten mittlerweile einen bemerkenswerten Beitrag zur Medienvielfalt in Deutschland. Portale wie die „Ruhrbarone“ und „Der Postillon“ genießen regionale mitunter sogar landesweite Aufmerksamkeit.
http://www.migazin.de/2013/05/07/macht-die-achse-guten/
"Blogger und Echtzeitpublizisten leisten mittlerweile einen bemerkenswerten Beitrag zur Medienvielfalt in Deutschland. Portale wie die „Ruhrbarone“ und „Der Postillon“ genießen regionale mitunter sogar landesweite Aufmerksamkeit.
Besondere Bedeutung haben
echtzeitpublizistische Netzwerke jedoch in der migrantischen community erreicht:
Lange Jahre vermochten die Vertreter der Einwanderungsgesellschaft keine
ausreichende Repräsentation in den großen Medien des Landes zu finden und auch
die Themen der diversitären Gesellschaft wurden kaum in den großen
Blättern und TV-Sendern abgebildet- zumindest nicht, wenn sie nicht gängige
Klischees über Ausländer bedienen wollten und aus Sicht der Betroffenen erzählt
wurden.
Die „Blogosphäre“ hat diesen
unbefriedigenden Zustand wesentlich verbessert und der multiethnischen und
multireligiösen Gesellschaft Wort und Stimme gegeben. Hiervon zeugen nicht nur
das DeutschTürkische Journal, sondern auch kleinere Formate wie
Integrationsblogger. Diese Entwicklung ist hocherfreulich und hat grosse Bedeutung
für das Informationsangebot einer immer komplexeren Gesamtgesellschaft, die
ihre Fähigkeiten zur Diversität in vielen Punkten noch optimieren muss.
Doch das Internet wäre nicht das
Internet, wenn sich unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit nicht auch eine
Gegenbewegung zu offenen Gesellschaft etablieren könnte. Tatsächlich sind nicht
nur die sozialen Netzwerke voller Hasstriaden gegen den Islam, gegen Türken,
„Kopftuchmädchen“ und Ausländer. Vielmehr haben sich auch mehr oder minder
professionell geführte Portale formiert, die mit teils pseudowissenschaftlichem
Eifer die Gefahren zu belegen versuchen, die dem christlichen Abendland von
einer vermeintlichen „Überfremdung“ und „Islamisierung“ drohen. Was auf
Webseiten wie „PI News“ verbreitet wird, ist kaum weniger als Anstachelung zum
Rassenhass. Das inhaltliche und stilistische Niveau dieser Publikationen ist in
aller Regel so beschämend, dass deren Strahlkraft kaum über die notorischen
Zirkel rechtspopulistischer Verschwörungstheoretiker hinausreicht.
Etwas anders verhält es sich mit
dem Portal „Achse des Guten“ des Publizisten Henryk M. Broder. Das
Autorenkollektiv hat sich nach eigenen Angaben die Freiheit auf die Fahnen
geschrieben und sucht den Anschluss an liberalkonservative Kreise, denen
braunes Gedankengut fern liegt. Doch, was ursprünglich als liberale Idee
begonnen haben mag, ist mittlerweile auf merkwürdige Abwege geraten.
Immer häufiger kann man sich des
Eindrucks nicht erwehren, dass die Freiheit die Broder meint, nicht die
Freiheit der anderen und damit die Freiheit aller (!) Menschen ist, sondern vielmehr
ein Freiheitsbegriff, der sich auf Intoleranz und Abgrenzung stützt. Broder und die seinen argumentieren mittlerweile konsistent im Stile jener islamophoben
„Panikmacher“ (unter Bezugnahme auf das gleichnamige Buch des FAZ-ehemaligen
Feuilletonchefs Patrick Bahners), die hinter jedem Moscheebau die Errichtung
eines „europäisches Kalifat“ wittern. Mit manchmal abenteuerlichen, aber fast
immer irrationalen Thesen wird insinuiert, der Islam sei im Kern eine
totalitäre Ideologie und somit eine Gefahr.
Mit dieser Ausrichtung ist die
„Achse des Guten“ nolens volens zum
Stichwortgeber der rassistischen Rechten avanciert. Das ist schlimm. Schlimmer
jedoch erscheint, dass die verantwortlichen Redakteure um diese zweifelhafte
Rolle wissen, sich aber nahezu kein Abgrenzungsbedürfnis zu einer Szene
erkennen lässt, die vom Verfassungsschutz als rechtsextremistisch eingestuft
wird.
Der apologetische Tenor des
„Ach-Gut“-Autorenkollektiv lautet, man könne ja nichts dafür, von wem man
Beifall bekomme (auch diese Logik scheint man sich bei Thilo Sarrazin
abgeschaut zu haben). Man wäscht die Hände in Unschuld und übt sich in
Relativierungen.
Doch so einfach kann man es sich
machen: Der Jubel der falschen Leute hat sich bisher (leider) als sehr zuverlässiger
Seismograph erwiesen und spätestens, wenn der Jubel dieser rechten islamophoben
Szene zur eigentlichen Geschäftsgrundlage wird (wiederum lässt Sarrazin grüßen), bewegt man jenseits die Grenzen demokratischer Verantwortung.
Die pseudoseriös fundierten
Angriffe auf muslimische Minderheiten und der dadurch ausgelöste Beifall
rechter Wutbürger ist zum Treibstoff für die Publizität der „Die Achse des
Guten“ geworden und als solcher unentbehrlich. Darum tun Broder und die seinen
mittlerweile nichts, aber auch gar nichts mehr, um sich und ihr Portal gegenüber
rechten Kreisen abzugrenzen. Ganz im Gegenteil übt man sich sogar in peinlichen
Apologien: So entblödete sich Broder nicht, den PI NEWS zu bescheinigen, sie
seien im Vergleich zu so mancher Wortmeldung aus der islamischen community doch
fast "brave Sängerknaben". Das ist nicht einmal mehr Verharmlosung,
das ist Anbiederei.
Doch den Beifall der
Islamhasserszene kann man sich nur erhalten, wenn man die Eskalationsspirale
jeden Tag jeden Tag aufs Neue ein Stück weiter dreht. Von einer absoluten Verrohung zeugen
beispielsweise die jüngsten Entgleisungen von Akif Pirincci, der von Broder
offenbar ermuntert wird, als vermeintlicher „Kronzeuge“ der Islamkritik zu
agieren. Mit seinem Text „Das Schlachten hat begonnen“ versucht Pirincci ernsthaft,
die These zu streuen, in Deutschland ereigne sich ein von Migranten
organisierter Massenmord an der deutschen Bevölkerung. Auch seien die meisten Vergewaltiger in
Europa Muslime. (http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/das_schlachten_hat_begonnen).
Nennen wir es beim Namen: Die
menschenverachtenden Inkriminierungen des Autors bieten eine ideale
Argumentationshilfe für jeden Neonazi, der präventive Lynchjustiz an Muslimen
schlicht und einfach als „Notwehr“ auffassen möchte.
Noch dümmer und bösartiger kann
man nicht mehr argumentieren, tiefer nicht mehr fallen. Auch einige noch
verbliebene Liberale sahen sich zu Protest genötigt. Dieser Protest wurde
übergangen. Pirincci hat inzwischen weitere Artikel in diesem Stile nachgelegt.
Die „Achse des Guten“ hat sich
nach rechts außen verschoben und ist längst kein liberales Portal mehr.
Pragmatiker der Mitte, die auf der Suche nach Lösungen sind, ziehen sich
angesichts der immer schauderlicheren Entgleisungen zurück. Liberal sein ist
auch immer eine Frage des Stils. Und hier offenbaren sich bei der "Achse des
Guten" eklatante Defizite. Mittlerweile geht es vielen Autoren nur noch darum, sich in jeder Hinsicht zu enthemmen und die dünne Firnis von Zivilisation und
Aufklärung vollends abzustreifen. Toleranz, Pluralismus und die Idee der
offenen Gesellschaft, allesamt konstitutiv für den Liberalismus, haben keine
Heimstatt mehr auf diesem Portal. Liberale sind gut beraten, sich gegen dieses
Portal abzugrenzen, das seinerseits jede Abgrenzung nach rechts meidet und
stattdessen nach dem Beifall der Islamhasserszene heischt.
Soll unsere Gesellschaft eine
freie und offene bleiben, soll unsere politische Kultur nicht einer allgemeinen
Verrohung anheimfallen soll, dann darf Hass nicht salonfähig werden. Doch genau
das passiert, wenn angesehene Publizisten hinnehmen, dass geistige
Brandstiftung über ihr Medium in die Mitte der Gesellschaft eindringt.
Philipp v. Brandenstein