Mittwoch, 15. Juli 2020

Herrenchiemsee: Merkel als politische Gewinnerin

Angela Merkel, nicht der CSU-Vorsitzende Söder, ist nach ihrem Besuch auf Herrenchiemsee die große politische Gewinnerin. Nur scheint das derzeit fast niemand zu erkennen.
Die Kanzlerin hat durch ihre bloße Präsenz in einer kitschigen Inszenierung vor malerischer Kulisse dem Geltungsbedürfnis eines männlichen Alpha-Tieres so sehr geschmeichelt (das beherrscht sie meisterhaft), dass dieser schwierige Partner nicht nur ihr gigantisches EU-Krisenpaket einfach durchgewunken, sondern auch ihre nun doch auf eine tiefere Integration ausgerichtete Europapolitik implizit goutiert hat.

Eben jener Söder, der in der Eurokrise an Griechenland "ein Exempel statuieren" wollte, sagte nun handzahm, man müsse auch angesichts grosser Summen eben über seinen Schatten springen. Die CSU, die europapolitisch zeitweise durchaus auf populistischen Abwegen unterwegs war und auch Merkels Machtanspruch herausforderte, unterstützt die Kanzlerin nun offenbar vorbehaltlos. Merkel wird diese Gelegenheit nutzen. Denn zum ersten Mal in ihrer Kanzlerschaft ist sie europapolitisch handlungsfähig und muss sich nicht innenpolitisch ausbremsen lassen. Zeit, ein politisches Vermächtnis zu hinterlassen.
Und Söder? Der hat immerhin einen Fototermin mit der Kanzlerin erhalten und ist nun quasi auf Bewährung. In den kommenden Monaten steht er unter verstärkter Beobachtung kritischer Medien und wird sich vielen Fragen stellen müssen. Man wird seine Substanz prüfen. Hinter dem Corona-Virus wird er sich dann nicht mehr verstecken können.