Mittwoch, 18. März 2020

Corona zeigt, dass Gleichstellung und Soziale Freiheit noch weit entfernt sind

Heute beginnt bei uns das Homeschooling. Den Kindern, die an diesem Morgen einzeln zu vereinbarten Zeiten ins Schulhaus kommen sollen, werden Lehrpläne und Arbeitsunterlagen ausgehändigt, die sie in den kommenden Wochen zuhause bearbeiten sollen. Im Ergebnis wird der Schulbetrieb also zuhause durchgeführt und die Eltern werden zu Hilfslehrkräften. Das relativiert natürlich auch Möglichkeiten, Home Office zu machen. Zumindest ein Elternteil wird in den nächsten Wochen in der Hauptsache kochen, putzen, pflegen und unterrichten. Nicht immer, aber doch meistens, werden diese Aufgaben wohl nicht paritätisch geteilt. Nicht immer, aber doch meistens, werden es die Frauen sein, denen diese Aufgaben zugewiesen werden.

Natürlich: Die gegebene Situation ist nicht die Normalität, nicht der Alltag. Es handelt sich um eine gravierende Krise und die Umstände sind mehr als un- und außergewöhnlich. Aber letztlich treten auch in dieser Krise gewisse fundamentale Muster und Strukturen (und deren Ergebnisse) zutage, die unsere Gesellschaften immer noch prägen. Nur eben viel krasser und drastischer.

Denn machen wir uns nichts vor: Noch immer funktioniert unsere Gesellschaft so, dass in der Regel ein Elternteil über etwa zehn Jahre hinweg, nicht im vollen Umfang am Erwerbsleben bzw. am politischen und wissenschaftlichen Diskurs teilnehmen kann. Dass equal pay und Gleichstellung da nur ein fernes Ideal sind und nicht soziale Realität, muss wirklich niemand wundern.

Manches können manche über hohe Einkommen und/oder Großeltern auffangen. Aber selbst für diese Privilegierten gilt: Wenn irgendetwas Unvorhergesehenes passiert, muss ein Elternteil reagieren und meist sind diese Rollen sehr eindeutig verteilt. Während der Eine darauf hinweist, dass er oder sie beruflich eben unabkömmlich sei und sein/ihr Einkommen das ja letztlich alles finanziere, bewaffnet sich der Andere mit Feucht-Tüchern und Schulbüchern. Gleichstellung, Freiheitsrechte und Selbstbestimmung werden in solchen Konstellationen formal nicht eingeschränkt, aber letztlich doch oft abstrakt. Was Dahrendorf einmal "soziale Freiheit" nannte, findet für viele Menschen nicht statt.

Dass es das nicht gewesen sein kann, wird in den nächsten Wochen und Tagen hoffentlich einigen Menschen mehr klar werden. Und es muss sich auch die Einsicht durchsetzen müssen, dass Staat und Wirtschaft sich nicht länger zurücklehnen können. Freiheit und Gleichstellung dürfen nicht abstrakt bleiben. Die Schaffung von Kapazitäten für ein selbstbestimmtes Leben liegen im Interesse aller (auch ökonomisch) und im Interesse jedes einzelnen Menschen. Diese Form von Freiheitsermöglichung durch Gesellschaftspolitik ist Aufgabe des modernen Staates und wenn die Krise wenigstens diese Einsicht freilegte, dann wäre schon viel gewonnen.

Einen guten Tag und bleiben Sie gesund.