Sonntag, 17. Juni 2018

DFB: Wertedebatte


Führende deutsche Intellektuelle, wie der kompromisslose Gesellschaftskritiker Stefan Effenberg, mahnen entschieden eine Wertedebatte an. Konkret und beispielgebend geht es um die Werte des DFB. Effenberg erscheint manchen als unerwarteter Verbündeter für dieses Anliegen, aber der von ihm signalisierte Bedarf ist nicht von der Hand zu weisen. Die Qualität einer solchen Debatte hängt aber von der Bestandsaufnahme ab. Wie also ist der Stand?

Ein deutscher Sportverband, auf den sich in den vergangenen Jahrzehnten wirklich jeder blutrünstige Diktator im In- und Ausland verlassen konnte, ein Fußballverband, welcher dem faschistischen Militärdiktator Videla ebenso einen Persilschein ausstellte wie dem gegenwärtigen russischen Autokraten und gegen welchen die Frankfurter Staatsanwalt augenblicklich wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung in einem besonders schweren Fall ermittelt (der einschlägige Straftatbestand der Bestechung ist verjährt) beteiligt sich mit großem Enthusiasmus an einem Turnier, welches der Weltverband FIFA ausrichtet, der von der unabhängigen und rechtsstaatlichen Jurisdiktion mehrerer demokratischer Länder in die Kategorie der organisierten Kriminalität gerückt wird. Diesem Weltverband FIFA, der Milliarden umsetzt, aber keine Steuern zahlt und ein wahrer Tummelplatz für Wirtschaftskriminelle und die Entourage korrupte Autokraten ist, gehört der deutsche Verband weiterhin an und findet rein gar nichts dabei. An einer Aufklärung der kriminellen Machenschaften der FIFA hat der DFB bisher kein gesteigertes Interesse gezeigt. Man weiß beim DFB wahrscheinlich warum.

Das Turnier, von dem die Rede ist, findet im diktatorisch regierten Russland statt und dient einem diktatorischen Potentaten als Propagandaplattform. In Russland werden Oppositionelle und kritische Journalisten verfolgt und wandern nicht selten ins Gefängnis. Manche werden ermordet, manche verschwinden einfach. Der deutscher ARD-Journalist Hajo Seppelt, der wegen seiner Doping-Enthüllungen der russischer Regierung als „Staatsfeind“ gilt, reist auf Anraten von Sicherheitsbehörden nicht zur Fußball-WM. Es wird bestimmt ein schönes Fest. Wer braucht da so einen Spielverderber. Apropos: Dass in Russland Staatsdoping in systematischer Weise betrieben wird, ist bekannt. Auch das irritiert beim DFB und der FIFA niemanden.

Das letzte Sportgroßereignis im eigenen Land nutzte eben dieser Diktator, um einen Angriff auf sein Nachbarland vorzubereiten und dieses nach geglückter Kommandoaktion in Teilen völkerrechtswidrig zu annektieren. Zum ersten Mal seit 1945 wurden die Grenzen Europas mit militärischer Gewalt verändert. Der DFB oder die FIFA fanden das nicht so schlimm. Man bereitete schließlich ein Fußballturnier in Russland statt. Da muss man so einen Angriffskrieg eben auch sportlich sehen.

Soweit die (nicht vollständige) Bestandsaufnahme, soweit die Lage. Nun können wir eine Wertedebatte führen, innerhalb deren auch gerne geklärt werden darf, was Herrn Özil und Herrn Gündogan geritten hat, sich für ein kriecherisches Bild mit einem Diktator in the making herzugeben. Vielleicht dachten sie ja, dass ein solches Verhalten für den DFB kein Problem darstellen würde. Wie kamen die beiden nur auf so etwas Abwegiges...?