Montag, 21. August 2017

Erdogans Wahlempfehlung

Dass Erdogan vor den Wahlen versuchen würde, die Deutschtürken einmal wieder zum Spielball seines Machtpokers zu machen, stand zu erwarten. Dem sollte man aber nicht allzu viel Aufmerksamkeit schenken. Anders als Erdogan (und viele deutsche Rechtspopulisten) uns glauben machen möchte, ist diese Bevölkerungsgruppe ausgespochen heterogen und hat mehrheitlich besseres zu tun, als sich Vorgaben für die eigene Lebensführung in Deutschland machen zu lassen. Dass die Wahlberechtigten dieser Bevölkerungsgruppe in Scharen den Weisungen des türkischen Präsidenten folgen, steht also nicht gerade zu erwarten.

Die Anmaßungen aus Ankara verpuffen umso mehr, als dass die ausgesprochenen Erdogan-Unterstützer unter den Deutschtürken ohnehin nicht die von Erdogan inkriminierten Parteien gewählt hätten und auch sonst über keine politische Alternative verfügen. In diesem Sinne hat Erdogan auf eine Wahlempfehlung zugunsten irgendeiner Partei gleich ganz verzichtet und seine Anhänger damit praktisch zur Stimmenthaltung aufgerufen. Es gibt in Deutschland einfach keine relevante Partei, die es mit Erdogan hält oder dessen Taten auch nur relativiert. Diesbezüglich kann der Machthaber in Ankara nur neidisch auf den Autokraten Putin blicken, der sich vor Liebesdienereien aus der deutschen Parteienlandschaft kaum noch retten kann.

Dennoch ist es perfide, in welcher Weise Erdogan die Deutschtürken für seine rhetorischen Attacken mißbraucht. Schließlich weiß er ganz genau, dass er die Angehörigen dieser community damit ganz unterschiedslos zum Angriffsziel von Rassisten und Nationalisten macht. Der türkische Präsident gießt Wasser auf die Mühlen der deutschen Rechtspopulisten und befördert die Stigmatisierung aller Deutschtürken. Ein weiteres Zeichen dafür, dass Erdogan die in Deutschland lebenden Menschen mit türkischen Wurzeln in all ihrer Vielfalt weder besonders gut kennt noch versteht noch besonders wertschätzt. Sie sind ihm offenbar völlig gleichgültig.