Freitag, 2. September 2016

Timothy Snyder: Kann sich eine Katastrophe wie der Holocaust wiederholen?

Kann sich eine Katastrophe wie der Holocaust wiederholen? Dieser Frage geht der amerikanische Historiker Timothy Snyder in seinem Buch "Black Earth" nach. In einer teilweise historischen, teils politikwissenschaftlichen Analyse untersucht Herr Snyder Faktoren, welche den Holocaust ermöglichten bzw. ihm entgegenstanden. In seinem Resümee kommt Timothy Snyder zu dem Schluss, dass sich ein Menschheitsverbrechen wie der Holocaust durchaus wiederholen können. Einige zentrale Grundbedingungen seien erhalten geblieben:"Wir leben immer noch auf demselben Planeten wie Hitler, und wir haben zum Teil dieselben Sorgen; wir haben uns viel weniger verändert als wir glauben. Wir lieben unseren Lebensraum, wir fantasieren davon, Regierungen zu zerstören, wir lästern über die Wissenschaft, wir träumen von der Katastrophe. Wenn wir glauben, wir seien Opfer irgendeiner globalen Verschwörung, dann kommen wir Hitler ziemlich nahe. Wenn wir glauben, der Holocaust sei die Folge der angeborenen Merkmale von Juden, Deutschen, Polen, Litauern Ukrainern oder irgendjemanden sonst, dann befinden wir uns inmitten von Hitlers Welt."

Das erscheint mir wie eine Mahnung angesichts eines teilweise entgleisten politischen Diskurses, in dem ethnische oder kulturelle Merkmale von manchen Stichwortgebern wieder zur gültigen Kategorie erhoben werden und eine daraus vermeintlich folgende Determination oder Prädisposition postuliert wird. Ein Diskurs, in dem Wissenschaftsfeindlichkeit grassiert, Regierungen als Instrumente von globalen Verschwörungen gesehen werden und Phantasien über kulturelle Homogenität, ethnische Reinheit und vermeintlich glückliche Urzustände blühen, in denen die komplizierte Pluralität sowie die sie begleitenden zivilisatorisch ausgehandelten Werte, Normen und Institutionen aufgehoben sind.