Dienstag, 10. Mai 2016

9. Mai - Nie wieder Krieg

In Moskau feierte man am 9. Mai mit großem Pomp den Tag des Sieges über das nationalsozialistische Deutschland, welches bereits am 8. Mai 1945 bedingungslos kapituliert hatte. Nach der Lesart des sowjetischen und des neoimperial-russischen Narrativs begann dieser Weltkrieg am 22. Juni 1941, dem Tag, an dem Hitler die Sowjetunion überfiel. In vielen Ländern Mittel- und Osteuropas, erinnert man sich anders. Dort ist der 1. September 1939 präsent. Deutschland und die UdSSR, verbunden und verbündet durch den Hitler-Stalin-Pakt, der nicht nur ein Nichtangrifspakt war, sondern in einem geheimen Zusatzprotokoll die Aufteilung jenes Raumes im Osten Europas regelte, für den der Historiker Timothy Snyder später den Begriff "Bloodlands" prägen sollte.

Aber auch in Westeuropa reicht die Erinnerung an den 2. Weltkrieg weiter als im Moskau dieser Tage. Der 9. Mai gilt hier ebenfalls als Schicksalstag. Am 9. Mai 1940 gab Hitler den finalen Befehl zum sogenannten Plan Gelb: In der Nacht vom 9. auf den 10. Mai marschierten deutsche Verbände in den Niederlanden, Belgien und Luxemburg ein, um auf diesem Wege Frankreich zu erreichen. Hitler war dieser Angriff mit der gesamten Macht der deutschen Militärmaschinerie nur möglich, da er durch den Hitler-Stalin-Pakt abgesichert und durch die folgenden Aufteilung Osteuropas begünstigt sich auf nur eine einzige Front konzentrieren konnte. Winston Churchill in seinen Erinnerungen: "Am 10. Mai 1940 war die Lage wesentlich anders. Der Feind hatte sich die Muße von acht Monaten und die Vernichtung Polens zunutze gemacht, hatte etwa 155 Divisionen bewaffnet, ausgerüstet und ausgebildet, darunter zehn Panzerdivisionen. Hitlers Verständigung mit Stalin hatte es ihm ermöglicht, die deutschen Streitkräfte im Osten auf ein Mindestmaß herabzusetzen". 

Am 22. Juni 1940 musste das geschlagene Frankreich den Waffenstillstand unterzeichnen. Grossbritannien stand in der Folge allein gegen Hitler und kämpfte um sein Überleben. Die Sowjetunion befand sich in dieser Zeit gegenüber dem Vereingten Königreich in einem Zustand "feindseliger Neutralität Hitler tätige Hilfe leistend", wie Churchill es zurückhaltend nannte. Den Titel "Allein" aber nicht ohne Grund wählte Winston Churchill für das zentrale Kapitel seiner Kriegserinnerungen, welches den Zeitraum vom 10. Mai 1940 bis zum 22. Juni 1941 behandelt. 


Noch immer leidet Europa an geteilter Erinnerung, an nationalistischen Mythen und an verdrängter Schuld. Europa braucht eine geteilte Erinnerungskultur, die den Schrecken des Krieges verdeutlicht und Lehren für die Zukunft zulässt. Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus. Das muss mehr sein als ein Lippenbekenntnis. Und mehr als eine Projektionsfläche für nationale (und nationalistische) Mythen.