Montag, 7. September 2015

Gesellschaftlicher Wandel: Deutschland und die Flüchtlinge

Was für ein erstaunliches Land dieses Deutschland doch sein kann. Man gewinnt in diesen Tagen den Eindruck, dass dieses Land sich gerade neu erfindet, sein Selbstverständnis, seine gesamte Identität um entscheidende humanistische Komponenten erweitert. Das Deutschland dieser Tage scheint seinen Stolz nicht mehr aus Triumphgeschrei, sondern aus ganz selbstverständlicher und unverkrampfter Weltoffenheit, aus fast schwereloser unprätentiöser Mitmenschlichkeit und Großzügigkeit zu beziehen. Darüber darf man vielleicht wirklich ein bisschen glücklich sein, vielleicht sogar ein wenig stolz. Allzu (selbst-) zufrieden sollten wir nicht sein; nicht solange noch immer Asylbewerberunterkünfte in Brand gesteckt werden und Rassisten um die Macht der Straße kämpfen. Aber auch dieser Hass von den Rändern kann nicht verdecken, was für ein wundersamer gesellschaftlicher Wandel sich in diesem Spätsommer in Deutschland manifestiert. Fast unnötig festzustellen, dass dieser Wandel nicht vom Staat oder vom politischen Teilsystem angestoßen wurde, sondern von den wichtigsten und zentralen gesellschaftlichen Akteuren, den Bürgern. Diese Bürger haben sich als viel großherziger und weltoffener gezeigt als dies die Demoskopen und Strategen in den Ministerien und Parteizentrale je für möglich gehalten hätten. Viele grundlegende Annahmen dieser Wählerstimmenmaximierer, die politische Ethik oftmals für nostalgisch-rührseligen Ballast halten, sind praktisch über Nacht obsolet geworden. Man wird sie an (vermeintlich) neue gesellschaftliche Anforderungen anpassen müssen. Vielleicht ist dies die schönste Nachricht in diesen bemerkenswerten Tagen.