Freitag, 19. Juni 2015

Waterloo


Heute vor 200 Jahren, am 18. Juni 1815, wurde Major Heinrich von Brandenstein am Abend des letzten Tages der Gefechte um Waterloo von einer französischen Kartätschenkugel getroffen, die ihm die linke Kniescheibe zerschmetterte. Die Familienchronik berichtet: „Dem Einfluss eines Dr. Langenbeck gelang es, den Schwerverwundeten vor einer Amputation des Beines zu bewahren. Heinrich August Christian lag bereits auf dem Amputationstische, als ihn Langenbeck, der nur als Zuschauer zugegen war, fragte, ob er sich ihm anvertrauen wolle; er hoffe, das Bein erhalten zu können. Mit Freuden ging der Verwundete darauf ein und blieb so vor der Amputation bewahrt.“

Heinrich hatte seine Einheit als Kommandeur des braunschweigischen 2. Jägerbataillons, das als Teil der anglo-alliierten Verbände dem Oberbefehl des Herzogs von Wellington unterstellt war, in der Schlacht bei Quatrebras am 16. und anschließend bei Waterloo am 18.6.1815 in den Kampf geführt. In Waterloo endete für Heinrich ein langer Weg. Bereits 1800 war er in das Preußische Inf. -Regim. Herzog von Braunschweig-Oels eingetreten und hatte ab 1806 an den Kampfhandlungen teilgenommen. Heinrich wurde bei der Verteidigung Lübecks verwundet und geriet in Kriegsgefangenschaft, aus der er nach dem Frieden von Tilsit entlassen wurde.

Als sich der Herzog von Braunschweig-Oels im Jahr 1809 entschloss, ins freie England zu fliehen, um den Kampf fortzusetzen, schloss sich ihm die gesamte Braunschweigische Infanterie an. Die alten Einheiten wurden aufgelöst und in die britischen Streitkräfte integriert. Auch Heinrichs jüngerer Bruder Wilhelm ging nach England und besuchte während dreier Jahre die Militärakademie in Newport. Heinrich und die Braunschweiger hingegen nahmen 1810-14 an den Feldzügen in Portugal, Spanien und Frankreich teil. Am 31. 8. 1813 beim Sturm auf San Sebastian erlitt Heinrich seine zweite Verwundung, am 7. 10. 1813, beim Übergang über die Bidassoa, die dritte, dieses Mal schwere Verwundung, einen Schuss durch den rechten Oberarm. Erst nach dem Pariser Frieden, am 10. 11. 1814, traf das Regiment endlich wieder vor Braunschweig ein, wo es feierlich empfangen wurde. Bereits kurz darauf marschierte Napoleons Armee erneut und Heinrich sowie sein Bruder Wilhelm zogen ihm mit ihrem Regiment entgegen bis in die damaligen Niederlande, nach Quatrebras, wo ihr bewunderter Herzog fiel, und schließlich nach Waterloo.

Heinrich lebte noch bis 1851. Er wurde 1841 als Generalmajor in den Ruhestand versetzt, 1842 zum Kammernherrn und 1847 zum Kommandanten der Stadt Braunschweig ernannt. Von seinen schweren Verletzungen (und wohl auch von den Grauen des Krieges) aber hat er sich nie mehr erholt. Er alterte früh und starb nach längerer Krankheit. Sein kleiner Bruder Wilhelm, der nach Waterloo bis nach Paris marschieren sollte, starb bereits 1818 in Braunschweig.

Heinrich, Wilhelm und ihr ebenfalls in Waterloo auf preußischer Seite kämpfender Vetter Ferdinand sind heute vor 200 Jahren mit dem Leben davon gekommen. Man darf annehmen, dass sie heute durchaus davon beeindruckt wären, dass wir Europäer, und als solche haben sie sich wohl spätestens unter dem Eindruck des Krieges selbst empfunden, die Spirale von Sieg und Revanche durchbrochen haben. Frankreich, Deutschland, Spanien, Portugal, Belgien, die Niederlande, Tschechien, all die Länder in denen sie kämpften, sind heute – trotz aller Unterschiede und Schwierigkeiten - endlich vereint in Frieden und Freiheit. Das hätte ihnen wohl gefallen. Was sie erlebt und durchlitten haben, darf sie nicht wieder wiederholen. Das sind wir ihnen schuldig. Als glücklicher Nachgeborener trinke ich heute ein Glas auf sie.