Mittwoch, 28. Januar 2015

Schlussstrich?

58% der Deutschen vertreten laut einer jüngst veröffentlichten Bertelsmann-Studie die Meinung, es müsse jetzt auch mal ein Ende haben mit der Erinnerung an die nationalsozialistische Judenverfolgung. Sie fordern den notorischen Schlussstrich.
Insbesondere die sozialen Medien zeugen davon, dass gerade jenen daran gelegen ist, dieses Meinungsbild zu erzeugen und zu speisen, die sonst für sich in Anspruch nehmen, die "Wahrheit" zu verbreiten und "Klartext" zu reden. Für sie gehört die Erinnerung an den Holocaust nicht zu Deutschland. Das kann niemanden verwundern. Nichts behindert die Prediger von Hass und Intoleranz hierzulande mehr als die Erinnerung an die Shoa.
Die Forderungen nach dem berühmten Schlussstrich gab es immer. Sie wurden bereits kurz nach Kriegsende erhoben. Doch nicht zuletzt das Zeugnis der Überlebenden und die aus der Erinnerung an das Menschheitsverbrechen im deutschen Namen erwachsene Lehre, Hass, Ausgrenzung, gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit nie wieder zuzulassen, haben diese Forderungen ins Leere laufen lassen. Auch wenn die Aufarbeitung deutscher Schuld zunächst nur zögerlich erfolgte, so ist die Entwicklung Deutschlands zu einer freiheitlichen, weltoffenen und liberalen Demokratie letztlich doch nicht denkbar ohne die Beschäftigung mit und die Erinnerung an die NS-Gräuel.
Wie konnte es soweit kommen? Wie können wir verhindern, dass sich so eine Schande jemals wiederholt? Diese Fragen waren konstitutiv beim Aufbau einer deutschen Demokratie. Sie waren auch konstitutiv für den europäischen Einigungsprozess. Aus der Erinnerung an die NS-Verbrechen wurde, wiederum in vielen Einzelschritten, eine besondere Verantwortung für Frieden, Freiheit und Toleranz abgeleitet. Heute liegt es in unserer Verantwortung, dass kein Schlussstrich unter diese Entwicklung gezogen wird.