Mittwoch, 21. Januar 2015

Schlagt uns statt Raif!

Der Fall des liberalen Bloggers Raif Badawi erschüttert die Welt. Zehn Jahre Haft und 1000 Peitschenhiebe lautete das Urteil eines saudi-arabischen Gerichtes gegen den dreifachen Vater. Das Verbrechen von Badawi aber bestand einzig darin, von einer freien Gesellschaft zu träumen, in der Menschen aller Glaubensrichtungen in Freiheit und Verantwortung koexistieren können: Christen, Juden, Muslime, Atheisten. Das wurde von den Richtern als Blasphemie, als Beleidigung des Islam, bewertet.

50 Hiebe hat Badawi bereits erlitten. Er ist schwer verletzt und 950 Hiebe stehen noch aus. Raif Badawi hat keinerlei Aussichten, den Vollzug der Strafe zu überleben. Bekommt er nicht bald Hilfe, wird Raif für sein Menschenrecht auf freie Meinungsäußerung sterben müssen und das nur wenige Zeit nach dem Anschlag auf die Pariser Zeitung Charlie Hebdo.

"Der Angriff auf Raif Badawi ist ein Angriff auf Freiheit und Menschenwürde weltweit", so der Tübinger Familienvater Christopher Gohl. Am Montag veröffentlichte er im Debatten-Magazin "The European" seinen Aufruf "Schlagt uns statt Raif!". Diesen Text sandte er auch als E-Mail an den saudischen Botschafter in Berlin: "Zeigen Sie uns, dass Sie der Menschlichkeit dienen, indem Sie uns erlauben, Raif Badawis Strafe auf andere Freiheitsfreunde aufzuteilen. Bitte greifen Sie zur Peitsche, wenn ich mit weiteren Freiheitsfreunden Ihre Berliner Botschaft besuchen werde. Schlagen Sie uns statt Raif Badawi! Schlagen Sie uns öffentlich im Dienst der Aufklärung, damit jedermann sieht, wie Ihr Land die Menschlichkeit verachtet. Schlagen Sie uns, Exzellenz, die wir in Freiheit kommen und in Freiheit wieder gehen können – aber schonen Sie dafür Raif Badawi, damit er nicht für die Freiheit sterben muss." 

In Reaktion auf Gohls Namensartikel bildete sich eine Gruppe auf Facebook. In ihr sollen sich 950 Menschen finden, die dem Botschafter von Saudi-Arabien anbieten, jeweils einen Hieb zu übernehmen, damit der Blogger Raif Badawi mit dem nackten Leben davonkommt. Bis heute, Mittwoch, sind der der Gruppe bereits fast 400 Menschen beigetreten. In den nächsten Tagen werden Gohl und Mitstreiter zum Generalkonsulat Saudi-Arabiens in Frankfurt und später zur Berliner Botschaft des wahabitischen Königreiches reisen, um die Liste all jener zu überbringen, die sich bereit erklärt haben, Raif auf diese drastische Weise zu unterstützen. 

Der Namensbeitrag und die daraus entstandene Initiative von Christopher Gohl haben mich sehr beeindruckt. Haben wir nicht alle gerufen: "Je suis Charlie!"? Haben nicht auch viele Menschen beteuert: "Ich bin Raif!"? Solche Bekenntnisse sind gut, aber sie sind auch ein Stück weit wohlfeil. Christopher Gohl suchte offenbar nach einer Möglichkeit, diese Lippenbekenntnisse für die Freiheit einzulösen gegen etwas ganz Reales und Fassbares - für das Leben eines Menschen, der für seine Liebe zur Freiheit elend sterben muss, wenn sich nicht andere für ihn einsetzen.

Als Mitglied von amnesty international ist mir der Fall des Bloggers Raif Badawi schon seit einiger Zeit bekannt. Briefe wurden geschrieben und Online-Petitionen. Doch offenbar reichen diese ehrenhaften und wichtigen Versuche, Aufmerksamkeit zu generieren und diese eklatante Verletzung der Menschenrechte anzuklagen, nicht aus. Daher schließe ich mich dem Appell an und fordere den saudi-arabischen Botschafter meinerseits auf, mir öffentlich einen Peitschenschlag zu geben, der Raif Badawi erlassen wird.

Die Initiative steht allen offen, unabhängig von Herkunft, Bekenntnis und politischer Couleur. Wer sich anschließen möchte, ist herzlich willkommen