Freitag, 9. Mai 2014

Allein? - Gestern vor 69 Jahren endete der Zweite Weltkrieg in Europa


Gestern vor 69 Jahren endete der Zweite Weltkrieg in Europa. Dies stellt einen Anlass zur Erinnerung in allen seinerzeit kriegführenden Staaten dar. Doch während das Ende des Krieges mit gleicher Anteilnahme betrachtet wird, unterscheidet sich die Sicht auf den Beginn des Krieges und damit auf dessen Gesamtheit noch immer wesentlich.

Der fünfbändige Bericht über diesen Krieg aus der Feder von Großbritanniens Premierminister Sir Winston S. Churchill gilt als Standardwerk, um Verlauf, Ursprung und Folgen des Weltenbrandes zu erfassen. Der zweite Band, der den Zeitraum von der französischen Kapitulation im Mai 1940 bis zum deutschen Angriff auf die UdSSR im Sommer 1941 abbildet, trägt den emblematischen Titel "Allein". Die Bedeutung dieses Titel erschließt sich - anders als in England, in Polen oder dem Baltikum - bei uns in Deutschland nicht jedem.

Nicht zuletzt daher erscheint es am heute, da Putin den symbolträchtigen "Tag des Sieges" auf der russisch besetzten und annektierten Krim propagandistisch inszeniert, nicht unangemessen, darüber nachzudenken, dass Churchills Großbritannien den Krieg gegen Hitler-Deutschland, den Kampf für die Freiheit und um das eigene Überleben, über ein Jahr lang allein führen musste. Lediglich von den in diesem Zeitraum noch nicht kriegführenden USA erhielt das Vereinigte Königreich finanzielle und ideelle Unterstützung, später Rüstungsgüter im Rahmen des im Februar 1941 vom US-Kongress verabschiedeten Leih- und Pachtgesetzes.

In diesem Zeitraum kooperierte die Sowjetunion im Zuge des Hitler-Stalin-Pakt bei der Zerschlagung und Unterjochung der Staaten Osteuropa mit dem NS-Regime. Polen, für dessen Freiheit Frankreich und Großbritannien gefochten hatten, wurde in eine deutsche und eine sowjetische Einflusszone aufgeteilt. In beiden Landesteilen regierte der Terror. Daran zu erinnern, wurde von Putins Regierung in dieser Woche offiziell unter Strafe gestellt. Für Kritik an Stalins Politik im Zweiten Weltkrieg stehen in der Russischen Föderation nun bis zu fünf Jahre Haft. Man darf annehmen, dass Putin hierfür Gründe hat, die durchaus im Zusammenhang mit aktuellen Ereignissen stehen.

Das am 9. Mai auf der Krim vorgeführte Spektakel gibt darüber Aufschluss. Denn während Putin fortfährt, die Russen und die Weltöffentlichkeit im Hinblick auf die in der (und in die) Ukraine in Marsch gesetzten Akteure und die der Krise zugrundeliegenden Mechanismen der Sabotage und Zersetzung systematisch zu belügen, so war er in diesem Lehrstück politischer Kommunikationen doch unverhohlen ehrlich. Denn die in diesem symbolhaften Auftritt enthaltene programmatische Aussage der Siegesfeier ist ernst zu nehmen. An dieser Einsicht kommen nun auch Merkel und Steinmeier nicht mehr vorbei. Wenn sich der Westen (uns hierbei insbesondere die deutsche Regierung) weiterhin Naivität verordnet, wird Putin nicht mehr aufzuhalten sein. Dann würde die europäische Friedensordnung endgültig obsolet.