Mittwoch, 12. März 2014

Die Fiktion vom Nationalitätenkonflikt

Warum gestehen wir Putin weiterhin zu, seine mit maliziöser Intention simplifizierten Deutungsmuster vom Nationalitätenkonflikt zwischen Russen und Ukrainern weitgehend unkritisch und ungeprüft zu übernehmen? etztlich leitet Putin aus eben dieser Fiktion eine Art Schutzauftrag (Schutz wovor?) und einen Vertretungsanspruch für alle russischsprachigen Bürger der Ukraine ab, die nicht belegt werden kann und auch durch das bizarre "Referendum" auf der Krim keinen Beleg finden wird. 

Natürlich ist Putin populär. In diese Popularität hat er Milliarden investiert. Aus dieser Popularität aber zu folgern, Putin vollstrecke letztlich nur den quasi determinierten Willen eines jeden Russen ist nicht nur fragwürdig. Es ist kurzsichtig und naiv. Und allzu bequem. 

Längst ist der Euromaidan, auf dem auch Russisch gesprochen wurde, Ausgangspunkt einer breiten Wertediskussion um Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie geworden, die weit in die russischsprachige Gesellschaft der Ukraine und auch nach Russland selbst hineinstrahlt. In der Ukraine könnte dieser Tage eine nach Europa gerichtete Bürgergesellschaft entstehen, die den autoritären Ordnungsbegriffen einer martialisch gerüsteten Kleptokratie eine echte Alternative entgegensetzt. Es ist diese Strahlkraft, die Putin wohl tatsächlich fürchtet und die er nicht zuletzt mittels der Aktivierung nationaler Deutungsmuster unterbinden will.


Agiert hier ein latent paranoider Kremlchef in einer Welt, die er zwar beständig deutet, aber in Teilen gar nicht mehr versteht? Dafür spricht einiges. In jedem Falle sollte die westlichen Staatengemeinschaft die Narrative des Kremlchefs nicht mehr länger ungeprüft anerkennen und übernehmen. Die Menschen auf dem Maidan und mit ihnen viele Menschen in der Ukraine haben sich von diesen fragwürdigen Erzählungen längst emanzipiert.