Donnerstag, 28. November 2013

"Was sind sie denn eigentlich?" - Doppelte Staatsbürgerschaft

Gestern gab es wieder die unvermeidlichen Diskussionen um die doppelte Staatsbürgerschaft. Und als die Köpfe heiß und wohl auch schon ein wenig leer waren, kamen die ebenso unvermeidlichen Phrasen im Stile von "Loyalität ist unteilbar", "Man kann nur ein Land lieben" und "Wir befördern Identitätskonflikte". Es ist so unendlich ermüdend. So ermüdend, dass ich statt einer Fortführung dieses fruchtlosen Austausches lieber zu einem Buch gegriffen habe. Es traf Reich-Ranicki "Mein Leben". Das erste Kapitel trägt den Namen: "Was sind sie denn eigentlich?"
Reich-Ranicki beschreibt darin ein Ereignis aus dem Jahre 1958. Auf einer Tagung der Gruppe 47 verwickelte ihn ein junger Mann "selbstsicher und etwas aufmüpfig" (Grass) in ein Gespräch und bedrängt Reich-Ranicki fast umgehend mit einer direkten und ungenierten Frage: "Was sind Sie denn nun eigentlich - ein Pole, ein Deutscher, oder wie?"
Reich-Ranicki: "Die Worte "oder wie" deuteten wohl noch auf eine dritte Möglichkeit hin. Ich antwortete rasch:"Ich bin ein halber Pole, ein halber Deutscher und ein ganzer Jude."
Grass schien überrascht, doch war er offensichtlich zufrieden, ja beinahe entzückt:"Kein Wort mehr, Sie könnten dieses schöne Bonmot nur verderben".
Zitat Ende

Reich-Ranicki hat uns Deutsche viel gelehrt. Wir müssen dankbar sein, dass wir so einen Lehrer hatten.