Montag, 6. Mai 2013

Sind die Grünen die neuen Spießer?


Dass manche sie "Sozialisten" nennen, stört die Grünen nicht. Der Begriff ist seit 1989 seltsam überkommen. Nach der historischen Zäsur des annus mirabilis regierte in Caracas mal ein faschistoider Clown, in Moskau mal ein ex-KGB-Agent und in Berlin, nun ja, Gerhard Schröder. Mit Sozialismus hatte das alles nichts zu tun und so ist der Begriff auch auf die (wenngleich stark nach links und auf Umverteilung fixierten) Grünen nicht mehr anwendbar. 

Dass manche Fanatiker sie sogar als "Ökofaschisten" bezeichnen, lässt die Grünen aus guten Gründen ohnehin völlig kalt. Solche Attacken tragen eher zur Solidarisierung mit den unsachlich Verfemten bei.

Der Anwurf aber, sie seien die "neuen Spießer" trifft die Grünen und Teile ihrer journalistischen Entourage ins Mark. Auf keine Kritik haben die Grünen in den letzten Jahren so tödlich beleidigt reagiert. Zum ersten Mal sind die sonst notorisch Empörten tatsächlich ein Stück weit "betroffen". 
Denn die "Spießer"-Aussage trifft ins Schwarze und offenbart einen eigenartigen Identitätskonflikt. Waren die Grünen einst mit einer Agenda totaler Permissivität angetreten, mit der Forderung nach dem Abbau aller Konventionen, haben sie sich jetzt angeschickt, neue allgemeinverbindliche Tugendbegriffe, also neue Konventionen, rigoros durchzusetzen.
 
Schlimmer noch: Streng nach jakobinischer Logik haben die einst freiheitsliebenden und anti-etatistischen Grünen im Zuge des Erringens eigener Macht irgendwie akzeptiert, dass die "Tugend" nur durch einen Staat verbindlich durchgesetzt werden kann, der ein starker und unnachsichtiger Staat ist. Ein Staat, der seine Augen überall hat und den erhobenen Zeigefinger jederzeit und jedem Bürger zeigen kann. Dies alles fast ganz selbstverständlich verbunden mit dem Verweis auf staatliche Sanktionen oder zumindest auf pekuniäre Bestrafung in Form von Steuern, Abgaben und Eigentumseingriffen.

Viele Grüne (vermutlich gerade die alten antiautoritären Vorkämpfer) fühlen sich mit diesem Staatsbegriff und diesem Gesellschaftsbild eigentlich nicht recht wohl, haben die etatistische Umwidmung des vormals linkslibertären grünen Projektes aber hingenommen. Das schlechte Gewissen, nun doch so geworden zu sein wie die verachtete Vätergeneration, wurde mit einem sich selbst katalysierenden Tugendfuror bekämpft. Das schlechte Gewissen sollte auf den politischen Gegner projiziert werden.

Ganz verdecken konnte man die innerliche nagende Frage nach der Halbwertszeit der grünen Identität aber offensichtlich nicht. Fassungslos müssen die Grünen hinnehmen, dass ihnen von Piraten, Linken und Liberalen (teils sogar von Vertretern der Volksparteien) genüsslich und ziemlich plausibel ausgebreitet wird, dass ihre Begeisterung für Verbote, Verregelungen und Nivellierung sie tatsächlich zu unduldsamen "Spießern" werden ließ, die den Menschen vorschreiben, wie sie zu leben haben. Das mag weh tun und das soll es auch. 

Wie viele politische Projekte zeigt auch das grüne Projekt im Moment des demoskopischen Höhenfluges echte Ambivalenzen, die Auswirkungen auf die programmatische und ideelle Substanz haben. Man darf gespannt sein, welche Therapie zur Überwindung des Identitätskonfliktes bemüht werden wird.