Sonntag, 14. Oktober 2012

Mo Yan und Liao Yiwu


Die Vergabe des Literaturnobelpreises an den chinesischen Schriftsteller Mo Yan wurde sehr meinungsfreudig und damit fast zwangsläufig vielfach etwas undifferenziert kommentiert. Ich selbst empfand es als ein schönes Zeichen, dass das Nobelpreiskomitee mit Mo Yan einem Schriftsteller aus China den Preis zuerkannt hat. Persönlich habe ich noch nichts von Mo Yan lesen können, aber sein Roman "Die Sandelholzstrafe" wurde mir empfohlen und von der Kritik hoch gelobt. Doch ist er ein würdiger Nobelpreisträger?

Ja, würde ich behaupten. Denn es gilt zu beachten, dass Mo Yan als Schriftsteller und nicht als Intellektueller, das heißt für sein literarisches Oevre, nicht für seine Haltung geehrt wurde. Als Träger des Friedensnobelpreises wäre Mo Yan eine Fehlbesetzung, als Sprachästhetiker und Botschafter der Literatur aber hat er mit Sicherheit Anerkennung verdient. 

In der Diskussion um Mo Yan drohte in Vergessenheit zu geraten, dass fast zeitgleich ein anderer chinesischer Künstler ausgezeichnet wird. Liao Yiwu erhält heute den Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. Sein Buch „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser: Chinas Gesellschaft von unten“ gehört zum Besten, was ich jemals gelesen habe. 

Liao Yiwu ist tatsächlich einer der bedeutendsten chinesischen Intellektuellen im besten und umfassendsten Sinne. Anders als Mo Yan wird er aber nicht für seine Sprachbeherrschung und seine Imaginationskraft, sondern für seine Haltung und seinen Mut geehrt. Sein Werk ist die Appell für die Menschlichkeit und gegen Kulturrelativismus. Es steht außer Frage, dass auch er ein würdiger Träger des ihm zuerkannten Preises ist.