Sonntag, 14. Oktober 2012

"Kartoffelkanake"

Zur Gesellschaftpolitik kam ich über einige Umwege. Karl-Theodor zu Guttenberg hatte mich ursprünglich als reinen Außenpolitikexperten engagiert, doch die realen Aufgabenstellungen wuchsen in ihrer Bandbreite und Tragweite rasch an. Bald traten Fragen in den Vordergrund, die an den Grund dessen rührten, wie wir in diesem Land zusammenleben sollten.

Als Guttenberg im Jahre 2008 schließlich Generalsekretär der CSU wurde, bat er mich, in der CSU-Landesleitung die Verantwortung für die Parteikommunikation und die Kampagnenführung zu übernehmen. Eine Öffnung und Transformation der CSU stand auf unserer Agenda. Die CSU sollte endlich Sprachfähigkeit gegenüber zivilgesellschaftlichen Akteuren, gegenüber Minderheiten und Migranten gewinnen. Milieus, denen die CSU bisher nichts oder nur wenig zu sagen hatte. 

Doch gegen diese Pläne regte sich wirkungsmächtiger Widerstand. Die Europawahlen standen vor der Tür und der Druck von rechts und nach rechts wuchs. Der parteiinterne Diskurs drohte sich zu radikalisieren. 

Gegen mit dieser Entwicklung verbundene Konzepte, Ressentiments gegen die Türkei respektive gegen die in Deutschland lebende türkischstämmige oder muslimische Bevölkerung für Wahlkampagnen zu operationalisieren, verwahrte ich mich und erstellte schliesslich ein Memorandum, in dem ich vor den Folgen einer populistischen und eurokritischen Kampagne der CSU warnte. Insbesondere wandte ich mich gegen eine irrationale und emotionalisierte Thematisierung der Frage eines türkischen EU-Beitrittes und warnte vor einer daraus resultierenden Stigmatisierung der Partei als fremdenfeindlich und opportunistisch. Das Papier wurde publik. Man bedeutete mir unmissverständlich, dass derartige Intransigenz nicht hingenommen werden würde. Tatsächlich dauerte es nur knapp eine Woche, bis aus klandestinen Schubladen vermeintlich kompromittierendes Bildmaterial gegen den Autor des Memos organisiert war (vgl. http://brandenstein-blog.blogspot.de/2009/06/stellungnahme_03.html).

Frustriert erklärte ich meinen Austritt aus der CSU, in der man als Liberaler nicht mehr wirken konnte. Schweigen wollte ich zu gesellschaftlichen wie politischen Fehlentwicklungen, zu Rassismus und Rechtspopulismus, jedoch weniger denn je. Ich begann zu bloggen. Und bald schon begannen mich Menschen aus den migrantischen communities zu kontaktieren. Ich wurde um politischen Einschätzungen gebeten und schließlich um Namensbeiträge zu gesellschaftspolitischen Themen. Nicht für jede Einschätzung erhielt ich Applaus, doch als Mensch aus der Mehrheitsgesellschaft, der sein Schicksal mit dem der Menschen aus der Einwanderungsgesellschaft verbunden hatte, erhielt ich Respekt und Anerkennung, die mich tief bewegte.

Die Kontakte verdichteten und verstetigten sich. Heute arbeitet ich für einen deutsch-türkischen Think Tank. Das futureorg Institut in Dortmund (http://www.futureorg.de/). Unser gemeinsam definiertes Leitbild ist die offene und diversitätskompetente Gesellschaft. Eine erkenntnisleitende Hypothese unserer Arbeit besteht darin, dass sich in der faktisch existierenden deutschen Einwanderungsgesellschaft in einem Prozess gegenseitiger Annäherung bereits hybride und transkulturelle Identitäten herausgebildet haben. Heute gibt es Deutsch-Türken, eine deukische Generation und Kinder von Einwanderern, die mit Stolz von sich behaupten: Wir sind typisch Deutsch (vgl. http://www.typischdeutsch.de/). Dafür dass dieser Prozess der Annäherung und der Einander-Angleichung bis hin zur Verschmelzung in einem deutschen melting pot ein gegenseitiger ist, fand ich einen unerwarteten aber sehr bewegenden Beleg am Beispiel der eigenen Person.

Letzte Woche besuchten wir Berlin, meine alte Wirkungsstätte, um mit Vertretern von Verbänden, Initiativen und migrantischen Vereinigungen über Gesellschaftspolitik zu reden. Zum Abschluss eines wundervollen und inspirierenden Abendessens in einem türkischen Restaurant in Berlin umarmte und küsste mich unser (deutsch-türkisch) Gesprächspartner zum Abschied, ganz wie es gut befreundete türkische Männer tun. Unser Freund erklärte lachend, ich sei ein veritabler "Kartoffelkanake".    

"Kartoffelkanake". Das klingt für manche Ohren vielleicht zunächst rüde, doch benennt auch dieser Ausdruck eine erweiterte und bereicherte Identität wie sie typisch Deutsche, Deutsch-Türken oder Deutsch-Asiaten längst leben. Ein Deutsch plus sozusagen.

"Kartoffelkanake". Dieses Prädikat der Anerkennung, des Respekts, der vertrauten Unbefangenheit und der Wertschätzung werde ich als Ehrentitel tragen. Und mit großem Stolz.