Dienstag, 20. Dezember 2011

Wulff

Der Spiegel läutet in seinem jüngsten Skandalon das Totenglöcklein für Bundespräsident Wulff. Tatsächlich ist Wulff Verhalten zu bemängeln, doch für polemische (etwas anstandshuberische) Pauschalkritik steht zu viel auf dem Spiel: Das Ansehen des Präsidentenamtes und das vielleicht bedeutsamste gesellschaftspolitische Projekt unserer Tage.

Trotz meiner eindeutigen Präferenz und persönlichen Sympathie für Joachim Gauck hielt ich Christian Wulff nie für den "falschen Präsidenten". Vielmehr hat er mit seiner eindeutigen Äußerung, dass der Islam zu Deutschland gehöre, positiv überrascht. Mit seinen wichtigen und aufgeklärten Beiträgen zur Integrationsdebatte, die nicht zuletzt die Leitkulturalisten im eigenen politischen Lager zum Schäumen brachten, hat er einen wesentlichen Akzent gesetzt und sich durchaus als Präsident aller Bürger unseres Landes bewährt. Das war mutig. Sein Projekt ist eines Präsidenten würdig.

Wulff wäre daher gut beraten, reinen Tisch zu machen und einige persönliche Verbindungen zu sistieren. Sollte Wulff aber keine Einsicht zeigen und den Bürgern die Wahrheit weiterhin nur scheibchenweise und per Anwalt konzedieren, beschädigte er nicht nur sein Amt, sondern auch sein so bedeutsames Projekt, Deutschland als multiethische und und multireligiöse Gesellschaft zu einen. Wulff wird gebraucht, aber nur wenn er imstande ist, durch Reue und Einsicht zu der moralischen Instanz zu werden, die Joachim Gauck bereits heute ist.

Wulff hat sein persönliches und politisches Schicksal selbst in der Hand. Gleichzeitig wird sein Verhalten bestimmend sein für das Ansehen des Amtes des Bundespräsidenten in der Bevölkerung. Man kann nur hoffen, dass er dieser Verantwortung gewachsen ist. Sollte das aber nicht der Fall sein, so könnten die Regierungsparteien aber doch noch die Chance bekommen, mit der Wahl von Joachim Gauck einen späten Weg zu christlich-liberaler Sinnstiftung zu finden. Den Bürger würde es durchaus interessieren, ob Grüne und SPD den mecklenburgerischen Pastor auch dann noch unterstützen, wenn er von allen Parteien außer der Linkspartei getragen würde.