Samstag, 23. Juli 2011

Norwegen und die Feinde der offenen Gesellschaft

Der Anschlag in Norwegen galt nicht allein der Sozialistischen Partei oder einer Regierung. Der feige terroristische Anschlag galt uns allen, denn er war gegen die offene Gesellschaft (in bewusster Anlehnung an K. Popper) gerichtet, die ihre Feinde nun erkennen und stellen muss.

Diese Feinde heißen Ressentiment, Rassismus und Intoleranz. Freiheit und Demokratie gegen diese Feinde zu verteidigen, heißt daher auch, sich entschlossen vor die so tief geschmähte multikulturelle Gesellschaft zu stellen und damit allen Ausgrenzungs- und Spaltungsversuchen der totalitären Brandstifter jedweder Couleur zu widerstehen. Nichts anderes meint König Harald, als er seine Landsleute aufforderte, zusammenzustehen und einander zu stützen.

Nur diese Haltung solidarischer Mitmenschlichkeit und republikanischen Bewusstseins kann Frustration und Entsetzen säen in den Reihen der terroristischen Mörder - egal welcher ideologischen Provenienz. Denn nichts sehnen sich die totalitären Apologeten größtmöglicher religiöser Homogenität oder rassischer Reinheit mehr herbei als eine Ende der offenen, d.h. heute multikulturellen und multireligiösen Gesellschaften, die ihren Sehnsüchten nach "Erlösung" durch blutige Konfrontation noch immer entgegenstehen.

Offene und multikulturelle Gesellschaft sind nicht als Synonyme zu verstehen und doch bedingen sie sich gegenseitig. Die multikulturelle Gesellschaft ist im Zeitalter der Globalisierung die logische und konsequente Ausdrucksform der offenen Gesellschaft. Die offene Gesellschaft ist pluralistisch und vielfältig, sie lässt Spielräume zur Entfaltung. Die Grenzen dieser freien Entfaltung sind allein gezogen durch die Freiheitsrechte der anderen. Dies zu bewahren, heißt den totalitären Mördern den erbittertsten Widerstand entgegenzusetzen. Genau dies müssen wir tun.

Die multikulturellen Gesellschaften des Westens stellen die krasseste (da reale) Antithese zu diesen blutigen Eskalationssehnsüchten der totalitären Ideologien dar. Das tolerante Miteinander ist aus Sicht der Ideologen die Widerlegung all ihrer Glaubenssätze, d.h. die Gesellschaft, was nicht sein kann, weil es sie nicht geben sein darf. Da die von ihnen postulierte blutige Konfrontation in den offenen Gesellschaften nicht eintritt, bomben und morden die Totalitären sie eben selbst herbei. Genau dieses perfide Kalkül scheint auch den Vorgängen in Norwegen zugrundezuliegen. In diese Logik des Hasses dürfen wir uns nicht fügen.

Wie notwendig dieses Bewusstsein ist, fand gestern traurigen Beleg in den Internetforen der Rechtspopulisten und Rassisten. Lange bevor man irgendetwas genaues wusste, waren sich die (oft anonymen) Brandstifter auf Seiten wie PI News oder den Foren der Gruppierung "Die Freiheit" (welch ein Hohn) schon einig, dass Muslime hinter dem Anschlag steckten. Eine geradezu pogromartige Stimmung wurde dort geschürt. Es handelte sich um just die Stimmung, die den Täter, ob nun Psychot oder kaltblütiger Mörder, über einen langen Zeitraum geprägt und letztlich wohl zu seiner schändlichen Tat inspiriert hatte. Der Täter selbst kommt aus diesem Umfeld. Hass auf Muslime und Linke, Hass gegen das "Andere", das "Fremde" sind Grundpfeiler seines Weltbildes, das sich langsam aber sicher in der Mitte der Gesellschaft ausbreitet. Der Feind der offenen Gesellschaft hat sich hier eingenistet und bereits Begriffe wie Freiheit vereinnahmt, um die Freiheit und Würde ihnen missliebiger Bürger herabzusetzen und diese auszugrenzen. Diese Feinde der offenen Gesellschaft sind gefährlicher als jede externe Bedrohung.

Doch was können, was müssen wir tun? Bedarf es einer Art bürgerlichen Antifa? Benötigen wir ein neues Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, das die Republik der Gleichen und ihre Werte schützt. Vielleicht. Zudem steht zu hoffen, dass nach den tragischen Ereignissen in Norwegen der politische Diskurs verantwortungsbewusster geführt wird. Öffentliche Aufrufe "bis zur letzten Patrone" gegen Einwanderung zu kämpfen, müssen der Vergangenheit angehören. Wortmeldungen wie diese haben auch in Deutschland zu einem allgemeinen Klima der Ausgrenzung und Verhetzung beigetragen, das wir nicht mehr dulden dürfen und dem wir uns aktiv widersetzen müssen.

Doch vor allem muss sich jeder einzelne von uns fragen, ob er sich genug einsetzt für die Republik und ihr offenes Gesellschaftskonzept. Sind wir vielleicht schon zu fatalistisch? Müssen wir nicht viel entschiedener widersprechen und mutiger einschreiten, wenn die Rechte der Schwachen und Minderheiten verletzt werden; müssen wir nicht lauter aufschreien, wenn die Spalter immer wieder versuchen, den Menschen in menschenverachtender Weise einen unterschiedlichen Wert oder Nutzen zuzuweisen? Popper brachte das folgendermaßen zum Ausdruck: "Im Namen der Toleranz sollten wir (...) das Recht beanspruchen, die Intoleranz nicht zu tolerieren.“ In diesem Sinne müssen wir alle unsere Fähigkeit zur Empörung bewahren und gegebenenfalls wieder entdecken. Oder wie es der König sagte: Wir müssen wir zusammenzustehen und uns einander stützen.

Siehe auch auf POLIS: http://www.p-ffd.de/forum/t.11029161-empty.html#11029161