Montag, 2. Mai 2011

Unites we stand!

Der Verbrecher und vieltausendfache Mörder Osama bin-Laden ist tot. Nach zehn Jahren des feigen Versteckens wurde er zum bewaffneten Kampf gestellt, den er wohl nicht ernsthaft überleben wollte. Der Narziss Osama verspürte erwartungsgemäß keine Berufung, in einem rechtsstaatlichen Verfahren Zeugnis von der "Banalität des Bösen" abzugeben und damit den kümmerlichen Rest des eigenen Mythos zu verlieren.

Osama wusste, dass es keinen Ausweg, keinen Fluchtort mehr gab. Die letzte Tage des Terroristen müssen angesichts des arabischen Frühlings bitter gewesen sein. Statt des von ihm gewünschten Kalifats entstehen in der islamischen Welt nun Verfassungskonvente und unabhängige Zeitungen. Statt ihm, dem Mörder Osama, werden nun Blogger und Menschenrechtsanwälte zu Idolen der arabischen Jugend.

Osamas (natürlich gänzlich unbeabsichtigter) Anteil an dieser Entwicklung könnte ein durchaus bedeutsamer gewesen sein, denn durch das Ausmaß seiner menschenverachtenden Brutalität hat der militante Islamismus den moralischen Nimbus, der ihn im Biotop korrupter und brutaler Polizeistaaten wachsen und gedeihen ließ, unwiederbringlich verloren. Dass die Bomben von al-Kaida den Weg in eine bessere und gerechtere Gesellschaft bomben, glauben nurmehr sehr wenige Menschen in der islamischen Welt (derartige Dialektik ist modernen europäischen Ursprunges). Das alles bedeutet nicht das Ende des islamistischen Terrorismus, aber breite Volksbewegungen, die sich auf die ruchlosen Mörder um Osama berufen, erscheinen nicht erst angesichts der Umwälzungen vom Maghreb bis nach Syrien doch ziemlich unwahrscheinlich.

Die sich in den USA nun ereignenden Jubelfeiern angesichts der Tötung Osama bin-Ladens mögen manchen befremden, doch fällt es mir persönlich sehr schwer, ob dieser spontanen Gefühlsentladungen in bester teutonischer Manier Moralin auszuschütten. Osama bin-Laden hat jeden (!) Amerikaner mit dem Tod bedroht. Nicht abstrakt, sondern ganz konkret und persönlich, schrecklich glaubhaft und jeden einzelnen Tag in den letzten zehn Jahren.

Osama bin-Ladens Schatten hing über jeder U-Bahnfahrt, jedem Flug, jedem Besuch eines Sportereignisses. Die Amerikaner haben es tapfer ertragen, sie haben sich nicht der Logik des Terrorismus gebeugt, nicht auf einen Krieg der Kulturen und Religionen eingelassen, den Osama so unbedingt herbeimorden wollte. "United we stand!" sagten die Amerikaner und meinten damit - trotz allen uns leider so wohlbekannten islamophoben Ausfällen an Polarisierung und Eskalation interessierter politischer Kreise - auch ihre muslimischen Verbündeten und Landleute.

Georg W. Bush besuchte nur wenige Tage nach 9/11 eine Moschee und bekundete dem Islam seinen Respekt. Obama - der Sohn eines Muslims - bekräftigte diese Haltung eindrücklich. Beide betonten, dass die Freiheit ein Geschenk an alle Menschen sei. Eine Meinung, der sich Deutschlands Politiker und Experten in ihrer Mehrheit erst in diesem (arabischen) Frühling sehr kleinlaut anschlossen. Tausende muslimische Offiziere und Mannschaften der amerikanischen Streitkräfte und Zivilbehörden stellten sich al-Kaida unter dem Einsatz ihres Lebens entgegen. Und doch wurde das Leben dieser muslimischen Amerikaner in den vergangenen zehn Jahren stark beeinträchtigt. Verdächtigungen und Stigmatisierungen machten ihnen das Leben sauer. Auch wenn der Terrorismus nicht besiegt und al-Kaida vielleicht nur eines charismatischen Führers beraubt ist, so fühlen sich doch alle Amerikaner heute erlöst und befreit. Amerikas Muslime (und mit ihnen unzählige Muslime im Westen und weltweit) aber fühlen diese Erlösung wohl noch ungleich stärker.

Die ersten Fernsehbilder aus New York City zeigten einen jungen New Yorker, der der Menge zugewandt frenetisch feiernd am Zaun des Ground Zero stand. Er trug ein T-Shirt mit der Aufschrift "Don´t panic, I am Muslim". Seine begeisterten in "stars and stripes" gehüllten Landsleute drängten nach vorn, um ihrem fellow american die Hand zu schütteln und mit ihm zu feiern. Zu glauben, diese New Yorker feierten den Tod eines Menschen erscheint mir zu schlicht. Mir scheinen sie vereint zu sein in ihrer Befreiung, sie "stehen zusammen", feiern sich, ihre gezeichnete Stadt, die Überwindung der Angst und das Leben.

United we stand!