Sonntag, 6. März 2011

Kleiner Friedrich, großer Friedrich - Zur Geschichte des Islam in Deutschland

Am Anfang der Kabinettskarriere von Bundesinnenminister Friedrich (CSU) steht eine – leider apodiktische und eindeutig von tagespolitischem Interesse geleitete -Geschichtsdeutung. Der Wortlaut: "Dass der Islam zu Deutschland gehört, ist eine Tatsache, die sich auch aus der Historie nirgends belegen lässt."

Mit seiner Einlassung wiedereröffnete Verfassungsminister Friedrich eine der geistlosesten Debatten des letzten Jahres. Er tat dies weitgehend ungefragt und ohne jede Not - wohl um eine politische Duftmarke zu hinterlassen. Es spricht jedoch viel dafür, dass Friedrich diese Äußerung nicht unbedacht getätigt hat.

Dass der Islam heute zu Deutschland gehört, kann eigentlich von niemandem mehr ernsthaft bestritten werden. Selbst in der CSU muss man als bekannt voraussetzen, dass hierzulande gut vier Millionen Muslime leben. Das entspricht 5% der Bevölkerung. In vielen Schulen und Universitäten, bei Heidi Klums Debütantinnen, bei „Deutschland sucht den Superstar“ legt der Anteil teils bedeutend höher. Selbst in der Deutschen Fußballnationalmannschaft liegt die Quote der Muslime je nach Aufstellung zwischen 10-30% (wofür wir nach Stand der Dinge neben dem dreieinigen Gott auch Allah und dem Fußballgott auf Knien danken sollten).

Das alles weiß auch der eigentlich recht gescheite CSU-Politiker Friedrich, doch es gefällt ihm eben nicht besonders. Diesen etwas irrationalen und damit unkultivierten Reflex direkt zum Ausdruck zu bringen, wie es sein Kollege Dobrindt tun würde, entspricht nicht Friedrichs Stil und würde ihn zudem als Gastgeber der vom Innenminister zu verantwortenden Islamkonferenz dauerhaft beschädigen.

CSU-Politiker Friedrich griff daher zu einem Trick. Er blendete die (für viele Konservative ohnehin als beklagenswert wahrgenommene) Gegenwart einen Moment komplett aus und wagte einen vermeintlich sinnstiftenden Exkurs auf die Geschichte unseres Landes. Die dahinterliegende Botschaft lautet in etwa: „Natürlich weiss ich, dass heute faktisch viele Muslime in Deutschland leben, doch stellt dies für mich eine Art Störung des historisch gewachsenen Gleichgewichts, der sittlichen und kulturellen Identität unseres Landes, dar." Friedrich beschwört also eine vermeintlich tradierte monokulturelle Ordnung gegen die vermeintlich zerstörerischen Kräfte der Moderne und des Multikulturalismus.

Kommunikativ ist Friedrich die Vermittlung dieser (nicht nur integrationspolitisch ziemlich kontraproduktiven) Botschaft ohne jeden Zweifel geglückt. Belege für seine sehr weitreichende Exegese der deutschen Geschichte erbrachte er jedoch nicht. Friedrich stellte unter Beweis, dass auch sehr geschickte Politiker und sehr gescheite Juristen miserable Historiker abgeben können. Seine Behauptung ist nachweislich falsch.

Es kommt noch schlimmer. Nicht nur können Friedrichs geschichtliche Einlassungen selbst von historischen Laien erschreckend eindeutig und leicht zu widerlegt werden. Diese können sich in ihrer Kritik sogar auf Friedrich selbst berufen. Nicht auf den CSU-Politiker, sondern auf Friedrich den Großen von Preußen- die Ikone aller deutschen Konservativen.

Dieser nahm schon kurz nach seinem Amtsantritt im Jahre 1740 in einem Brief unmissverständlich Stellung zur Religionsfrage: „Alle Religionen seindt gleich und guht, wan nuhr die Leute, so sie profesieren [(öffentlich) bekennen], erliche Leute seindt, und wen Türken und Heiden kähmen und wolten das Land pöbplieren [bevölkern], so wollen wier sie Mosqueen und Kirchen bauen“.
Am 22. Juni 1740 generalisierte er diese Feststellung mit dem berühmten Diktum: „Jeder soll nach seiner Façon selig werden“ (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_II._(Preußen)).

Friedrich II von Preußen betrieb sogar ganz aktiv die Ansiedlung von Muslimen in Preußen und erließ zu diesem Behufe am 22. Juli 1775 ein Edikt über die Ansiedlung muslimischer Tataren in Westpreußen: “Ihr werdet demnach Euch alle ersinnlich Mühe geben, gemeinschaftlich (…) zu bewürcken, wie diese Leute zu gewinnen und in’s Land gezogen werden können. Ich will ihnen gerne erlauben, Moscheen zu bauen und sollen sie allen Schutz geniessen.”
(vgl. auch http://www.burks.de/burksblog/2011/03/04/friedrich-der-grosse-uber-den-islam-in-deutschland)

Die rechtsgeschichtliche Tradition der islamischen Glaubensgemeinschaft in Deutschland reicht sogar bis ins Jahr 1739 zurück. Gestützt auf ein königliches Dekret von Friedrichs Vater König Friedrich Wilhelm I. wurde in diesem Jahr die erste islamische Gemeinschaft in Deutschland gegründet. „Den Muslimen wurde zugesagt, dass sie ihre Religion frei ausüben können und dass sie durch den Staat geschützt werden, und während der langen Regierungszeit Friedrichs des Großen genossen sie in der Tat einen stabilen Schutz.“ (http://akademie.coart.de/geschichtliches/news/was-waren-die-wirklichen-ziele-vom-preussenkoenig/)

Gründungsmitglieder waren 22 „Türcken“, die der Herzog von Kurland dem Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. (1713-1740) zur Verfügung gestellt hatte. Eine Quelle berichtet: „Der Preußen-König hatte für sie 1739 in Potsdam einen Saal in der Nähe der neuen Soldatenkirche (Garnisonskirche) am Langen Stall als Moschee herrichten lassen. Er legte großen Wert darauf, daß „seine Mohammedaner“ ihren religiösen Pflichten nachgingen. Die Geschichte dieser durch königliches Dekret gegründeten Gemeinschaft ist damit Teil der preußisch-deutschen Geschichte. 1739 zu Potsdam gewissermaßen als „Adoptivkind“ der königlich-preußischen Armee gegründet, durchlief sie viel Stationen bis hin zum Tode von Reichspräsident Paul von Hindenburg im Jahre 1934.“ (http://www.enfal.de/grund12.htm).

Die unter Friedrich Wilhelm I. und Friedrich II. in die preußischen Streitkräfte aufgenommenen Muslime begründeten eine stolze militärische Tradition, die sich bis zum Ende des Ersten Weltkrieges fortsetzte. Muslimische Tartaren und Bosnier wurden u.a. bei der Kavallerieeinheit der Ulanen (vom türkischen Wort für Junge/Soldat) eingesetzt (vgl. Oleh Faruk Şen,Hayrettin Aydın, „Islam in Deutschland“ 2002). Dass auch der türkische Offizier Kemal Atatürk Träger des Eisernen Kreuzes war, sollte in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben.

Wenngleich die bemerkenswerte Toleranz der Preußen gegenüber Muslimen als religiöse Gruppe in anderen deutschen Staaten weniger hoch entwickelt war, integrierten sich auch andernorts Muslime in die deutsche Gesellschaft. Nach München kamen die ersten muslimischen Türken im Jahre 1686. Dies zwar als Kriegsgefangene und nicht als Gastarbeiter, doch geblieben sind auch sie: "Der Kurfürst brachte 1686 296 und 1688 über 400 Türken als Kriegsgefangene nach München. Dies wurden für die Kanalarbeiten zu den Schlössern in Nymphenburg, Schleißheim und Dachau sowie in der Manufaktur zur Tucherzeugung eingesetzt. 1688 gab es sogar eine eigene Zunft der türkischen Sesselträger (http://www.stadt-muenchen.net/).

Viele mündliche und schriftliche historische Überlieferungen und Zeugnisse, wie auch Legenden, nehmen Bezug auf den Zuzug von Muslimen nach Deutschland. In diesem Sinne sei auch mir ein kleiner historischer Exkurs gegönnt: Nicht allein die landes- und familiengeschichtliche Überlieferung, sondern auch ein einmaliges Baudenkmal weisen darauf hin, dass Zuleika (oder Fatima), die Gattin des 1545 aus Kriegsdiensten zurückgekehrten Hans von Brandenstein, wohl die erste muslimische und türkischstämmige Thüringerin war.

"Der Junker Hans von Brandenstein war nach Frankreich gegangen um sich im Kriegswesen auszubilden. 1525 wurde er als Page König Franz I. in der Schlacht von Pavia mit diesem gefangen genommen. Da trat er in Kaiserliche Kriegsdienste über und fiel bei der Belagerung von Buda in türkische Gefangenschaft. Nach drei Jahren harter Zwangsarbeit soll ihn der türkische Heerführer Ibrahim wegen seiner Kriegserfahrungen auf seinen Kriegszügen nach Syrien und Persien als Ratgeber mitgenommen haben. Man soll ihm auch eine hohe Staatsstellung angeboten haben, jedoch mit der Bedingung des Übertritts zum Islam. Die Sage erzählt, daß ihm eine vornehme Türkin Zuleika (oder Fatima) nach 16 Jahren zur Freiheit verhalf. Auf einem Schiff entkam er mit ihr und kehrte 1545 in die Heimat zurück. Hier führte er dann mit dem Einverständnis seiner Gemahlin Helene von Stein und mit päpstlicher Bewilligung eine Doppelehe." (http://www.vg-oppurg.de/index.php?id=131048000643&cid=131048000038)

Das heute im Volksmund als "Türkenhof" bezeichnete Wohnhaus von Hans und Fatima von Brandenstein kann noch heute bewundert werden. Gerne würden wir den aus Naila stammenden Herrn Bundesinnenminister ins nur knapp 70 Kilometer entfernte Oppurg einladen, um dort bei einer Tasse (türkischen) Kaffees die reichen und vielfältigen historische Belege des (in unserem Falle durchaus identitätsstiftenden) Einflusses der Muslime und des Islam in Deutschland zu erörtern.