Donnerstag, 3. Februar 2011

Kairo

In Kairo allein gestern mindestens 5 Tote. Der Pulitzer-Preis-Gewinner Nicholas Kristof von der New York Times beschreibt in seinem Blog die Aggressivität der Mubarak-Anhänger. Diese seien in Bussen herangekarrt worden und alle bewaffnet gewesen: mit Macheten, scharfen Rasierklingen, Baseballschlägern und Steinen. Er habe keine spontanen Proteste der Regimeanhänger erlebt, sondern gut organisierte Gruppen. Paramilitärische Banden, die mit Waffen und zu Pferde gegen unbewaffnete Demonstranten vorgehen. Maschinengewehrfeuer.

Nur zur Orientierung: Der Mann, der das zu verantworten hat, ist "unser Mann" in Kairo. Wir unterstützten ihn, da er im Westen als Hüter der Stabilität galt, manchen gar als Verteidiger westlicher Werte und Interessen. Die für Freiheit demonstrierenden Muslime und Christen hingegen, die unser Mann hier massakrieren lässt, sind diejenigen, vor denen Mubarak uns 30 Jahre schützen sollte.

Ob sich diese Schande jemals tilgen, ob uns dieser "realpolitische" Zynismus je vergeben wird? Natürlich bedeutet Außenpolitik auch die Wahrung von Interessen, nicht nur die Vertretung von Werten. Doch in der gegebenen Situation ist beileibe nicht mehr erkennbar, welche Interessen wir in Ägypten und nunmehr der gesamten arabischen Welt gewahrt haben. Der Westen hatte nur ein einziges Interesse: Stabilität. Verweht!

Um dieser Stabilität willen hat der Westen die abscheulichsten und korruptesten Potentaten gefüttert. Der Verlust des demokratischen Westens an Ansehen und moralischer Autorität ist verheerend. Könnten wir es einer neuen ägyptischen Regierung verdenken, wenn sie sich vom uns - den Zynikern- abwendet? Ohne Fatalismus schüren zu wollen, müssen ist die Möglichkeit gegeben, dass wir im Nahen Osten am Ende alles verloren und nichts gewahrt haben. Was also wurde durch die zynische Realpolitik überhaupt erreicht?

Die Bilanz ist katastrophal. Die Stützung der arabischen Potentaten war keine Außenpolitik, die zielgerichtet unsere Interessen und Werte verfolgte. Nicht einmal gute Realpolitik, sondern ein Fiasko. Wie sich die Dinge auch entwickeln mögen. Es wird dauern, bis wir diese Schuld getilgt haben und es wird uns etwas kosten. Ein Tag der Schande für uns alle!