Montag, 10. Januar 2011

Rosa Luxemburg

Wer sagt, dass religiöser Wahn nur in den nahöstlichen Sphären beheimatet ist? Die Glaubenskriege alter Prägung gehören bei uns zwar (vermeintlich) der Vergangenheit an, doch huldigen die Gläubigen in Europa und Asien seit nunmehr gut hundert Jahren der nicht minder verhängnisvollen Spielart der "politischen Religionen".

Nach 1945 und vor allem nach 1989 ist die Zahl der orthodoxen Fundamentalisten zwar geschrumpft und die heilige Kirche des Sozialismus in zahlreiche Sekten zerfallen, doch machen diese ihre unbedeutende Zahl durch Intransigenz und Rührigkeit wett. So wurden im vergangenen Jahr endlich wieder Anstrengungen unternommen, zum Wohle der Menschheit ein paar Menschen in die Luft zu sprengen (Vorsicht: Dialektik). Versandstelle dieser Menschheitsbeglückung war Griechenland. Adressat: Europa.

Was eine ordentlich politische Religion ist, hat neben der Erlösungstheologie auch ihre Märtyrer und Heiligen. Im Falle der deutschen Kommunisten sind dies Karl Liebknecht und insbesondere die Stilikone Rosa Luxemburg. Nach Luxemburg wurde unter anderem die Parteistiftung der SED-PDS benannt. Im Gegensatz zum Mutterschiff musste die Stiftung keine Umbenennung im Jahrestakt erdulden.

Die vordergründige Begründung hierfür liegt im Bekenntnis der Linken zum "demokratischen Sozialismus", dem sich auch Luxemburg verpflichtet fühlte. Hierbei verhält sich die Partei wie ein überforderter Proseminarist bei seiner ersten Hausarbeit. Da man den Begriff - eigentlich ein Oxymoron- inhaltlich nicht füllen kann oder will, gibt man einfach eine Quelle an und fährt fort.

Tatsächlich hatte Luxemburg doch relativ konkrete Vorstellungen von der euphemistischen Begrifflichkeit. Unter "demokratischem Sozialismus" verstand die Mutter aller Revolutionäre ein Rätesystem. Für Parlamentarismus und demokratischen Verfassungstaat hingegen hatte Luxemburg nur Verachtung übrig.

Folgerichtig riefen Liebknecht und Luxemburg zu den Waffen, um im Jahre 1919 die erste deutsche Demokratie unter Führung der Sozialdemokraten zu beseitigen. Am 5. Januar 1919 besetzten bewaffnete "Spartakisten" die Druckereien des sozialdemokratischen „Vorwärts“ und des „Berliner Tagblatts“ sowie weitere Redaktions- und Verlagsgebäude. Karl Liebknecht rief zum bewaffneten Kampf gegen die SPD-Regierung unter Friedrich Ebert auf. Ziel war es demokratische Wahlen zur Nationalversammlung zu verhindern und eine Räterepublik zu installieren.

Die Niederschlagung des kommunistischen Putschversuches und die folgende Ermordung der Parteiführer durch Freikorpssoldaten haben die Kommunisten der Sozialdemokratie nie verziehen. "Wer hat uns verraten? - Sozialdemokraten!" hiess es in der Propaganda. Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg blieben den Kommunisten die Blutzeugen einer gescheiterten Revolution gegen die demokratische-legitimistische Regierung Ebert.

Die SPD blieb bis zum Ende der Weimarer Republik der verhasste Feind der KPD, deren Versammlungen angegriffen und deren Repräsentanten mit Häme verfolgt wurden. Selbst mit den Nazis kooperrierten die KPD gegen die Parteien des Verfassungsbogens. In Reaktion auf die gewaltsamen Ausfälle von Nazis (SA) und gewaltbereite Strassenkampfgruppen der "Kozis" gründete die SPD sogar ihre eigene Schutzgruppe, das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold. Doch vergebens. Beim Streik in den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) in November 1932, traten Walter Ulbricht und Joseph Goebbels gemeinsam auf die Rednerbühne, um die verhasste demokratische Republik zu Grabe zu tragen. Wenige Monate später war die Republik Geschichte.

Ein Bekenntnis zu Liebknecht und Luxemburg ist daher keines zur Demokratie, sondern zu einer kompromisslosen Form der gewaltsamen Revolution und vor allem Ausdruck eines tief empfundenen Hasses auf die "verräterische" Sozialdemokratie. Dass diese Grundstimmung heute den sich selbst verraten fühlenden SPD-Renegaten Oskar Lafontaine in die Parlamente trägt, ist so verhängnisvoll wie plausibel.