Samstag, 29. Januar 2011

Der arabische Frühling ist kein Triumph des islamistischen Extremismus

"He is a bastard, but he is our bastard!". Gemäß diesem zynischen Leitsatz wurde über mehr als 30 Jahre die westliche Außenpolitik gegenüber dem arabischen Raum gestaltet. Auch die deutsche Außenpolitik und Entwicklungshilfe und zwar über alle Parteigrenzen hinweg. Warnungen, etwa von Kulturraumexperten, dass diese Logik schon in Lateinamerika versagt habe, wurden achselzuckend ignoriert.

Die direkten Profiteure dieser westlichen Ignoranz, die "Bastarde", schlafen dieser Tage sicher ziemlich schlecht. Doch auch die indirekten Profiteure der arabischen Diktaturen, die islamistischen Extremisten, wirken angesichts der Bürgerproteste paralysiert. Nach dem Verständnis des Westens, aber auch nach eigenem Selbstverständnis der Islamistischen, sahen sich diese als die logische, ja die einzig denkbare, Alternative zu den korrupten Potentaten der Region.

Diese Sicht der arabischen Welt scheint sich nun innerhalb weniger Tage aufzulösen. Die sonst so mitteilungsfreudige Al-Qaida und ihr wortmächtiger Führer Osama Bin Laden schweigen entsetzt und irritiert. Die ganze arabische Welt empört sich, erhebt sich, ist in Aufruhr, aber ausgerechnet auf sie scheint niemand gewartet zu haben.

Hierfür sollte der Westen den Arabern danken und sich für seine Fehleinschätzungen entschuldigen, die so viele Menschen Freiheit und Leben kosteten. Er sollte dies im eigenen wohlverstandenen Interesse tun. Der arabische Frühling ist bisher kein Triumph des extremistischen Islamismus. Das ist nicht selbstverständlich. Der Westen kann und muss nun seinen Teil dazu beitragen, damit sich diese erfreuliche Entwicklung verstetigt. Ohne Demut, konkrete umfassende Hilfsangebote und einen tiefgreifenden politischen Paradigmenwandel wird das nicht möglich sein. Vielleicht entsteht aus diesem Prozess eine neue "Realpolitik", die weniger zynisch und menschenverachtend ist, jedoch den sich gerade herausbildenden neuen arabischen Realitäten Rechnung trägt.