Freitag, 10. Dezember 2010

Liu Xiaobo

"Wenn Liu Xiaobo ein Verbrecher ist, dann sind wir alle Verbrecher. Wenn Liu Xiaobo subversiv ist, dann sind wir alle subversiv." So gestern ein chinesischer Manifestant. Wenn man sich das "Verbrechen des Liu Xiaobo", die "Charta 08", besieht, kann man dem zornigen Dissidenten nur zustimmen. Denn das mittlerweile von mehr als 5.000 "prominent citizens" unterzeichnete Manifest ist kein Aufruf zur Rebellion, sondern ein friedfertiger Appell für Freiheit, Gleichheit und Wahrhaftigkeit. Die Manifestanten klagen auch die KPCh nicht an.

Das übernehmen die Machthaber (nolens volens) letztlich selbst. Denn keine noch so eindrückliche Rede kann der chinesischen Regierung heute soviel Gesichtsverlust bereiten, wie der leere Stuhl Liu Xiaobos in Oslo. Dieser manifestiert auf schreckliche Weise die Willkür Pekings gegenüber den eigenen Bürgern. Der vakante Stuhl ist aber auch Sinnbild für die nahezu paranoide Angst vor Veränderung und Kontrollverlust bei den Betonköpfen der KPCh und, was aus Sicht der Herrschenden noch schlimmer ist, für Schuldbewusstsein, Unsicherheit und Schwäche.

Um so fragwürdiger ist vor diesem Hintergrund das Verhalten mancher deutscher Apologeten der chinesischen Repression. Einige deutsche Sinologen (und alle möglichen Hobby-Sinologen der Wirtschaftsverbände) versuchen, mit substanziell oftmals fragwürdigen und eher liebesdienerischen kulturalistischen Deutungen das Verhalten der KPCh als typisch "chinesisch" zu exkulpieren. Ein weiterer schlagender Beleg dafür, dass sich auch Unmoral und Unsinn akademisch ausbrüten lassen. Denn das chinesische Verhalten ist weniger Ausdruck einer vieltausendjährigen Kultur, sondern stellt vielmehr vielmehr die völlig erwartbaren Reflexe einer Diktatur dar. Das wissen wohl auch die deutschen Sinologen - von ihrer Seite kommt dennoch keine Kritik. Unter anderem, weil China gewogene Akademiker mit Geld und Doktorwürden lockt, wie die Süddeutsche Zeitung heute feststellt.

Dass die Kommunisten der Linkspartei Ehrungen von Dissidenten ganz grundsätzlich als deplatziert erachten, kann nun eigentlich niemanden überraschen. In der Parteizeitung jungeWelt wird die Charta 08 sinngemäß als Konspiration zum Umstutz bezeichnet. In der linksextremistischen Gazette konnte man in der Vergangeheit lesen, dass die Niederschlagung der Proteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens entscheidend für die Sicherung des Weltfriedens gewesen sei - zumindest aus Sicht eines unverbesserlichen DDR-Diplomaten.
Interessant ist allerdings, dass die chinesische KP vor allem auf das Wohlwollen der deutschen Rechten und teils sogar der Konservativen setzen kann. Dies gilt nicht allein für Industrievertreter und autoritäre Neu-Rechte, sondern auch für die - der KPCh eng verbundene und in Sachen Liu (bis auf eine löbliche Ausnahme) mucksmäuschenstille - CSU. Die Frage, ob hinter diesem Verständnis der vermeintlichen Chinaversteher zumindest in einigen Fällen nicht ganz profaner Rassismus gegenüber einer Milliarde Chinesen steht, muss erlaubt sein. So mancher konzediert mit einem Schuss Menschenverachtung, dass die "gelben Massen" lieber unter dem Joch der Diktatur leben sollen, welche die europäischen Konservativen in ihrem Teil der Welt mit Verve bekämpft haben.

Das Argument der demokratisch enthemmten Milliarde Menschen ist per se fragwürdig und aus eurpäischer Sicht sogar zynisch, verliert aber mit Hinblick auf ein anderes Milliardenvolk auch an Relevanz. Auch dieses riesige asiatische Land hat andere kulturelle Wurzeln, Traditionen und Entwicklungslinien. Und auch Indien hat - ebenso wie China - gewaltige soziale, ökologische und politische Herausforderungen zu meistern. Die seit Jahrzehnten praktizierte Demokratie hat sich hierbei aber weder als ökonomisches Entwicklungshindernis, noch als Bedrohung für den Westens erwiesen. Im Gegenteil!

Für das Komittee hingegen ist es ein grosser Tag. Man hat sich den Pressionen Pekings nicht ergeben. Das kleine Norwegen steht! Es steht hinter dem Erbe Alfred Nobels und es steht ein für universelle Werte und Rechte. Wenn der Stuhl des Preisträgers wegen staatlichen Zwanges gegen den zu Ehrenden leer bleibt, hat man im Zweifel den richtigen Preisträger erkoren. In diesem Falle ganz bestimmt.

"Wenn Liu Xiaobo ein Verbrecher ist, dann sind wir alle Verbrecher. Wenn Liu Xiaobo subversiv ist, dann sind wir alle subversiv." In diesem Sinne: Bitte teilen Sie heute die Charta 08 mit Ihren Freunden und Bekannten!http://www.nybooks.com/articles/archives/2009/jan/15/chinas-charter-08/