Samstag, 18. Dezember 2010

Der Papst im Bundestag

Der Papst möchte vor dem Bundestag sprechen. Warum nicht? Was spricht dagegen? Aus liberaler Sicht eigentlich nichts, denn aggressiver Laizismus hat mit Liberalismus (und den Bestimmungen des Grundgesetzes) so wenig zu tun, wie das Sarrazin-Gen mit Sozialdemokratie. Illiberal, weil gegen den für Liberale zentralen Pluralismus gerichtet, wäre allein eine Privilegierung Ratzingers.

Ist die Präzedenz Benedikt ante plenum aber erst geschaffen, kann auch einem Rabbiner oder muslimischen Imam das Rederecht nicht verwehrt werden. Die zornig-moralischen - meist stimm- und wortgewaltigen - Beiträge lutherischer Pfarrer gehören ohnehin schon seit der Paulskirche untrennbar zum deutschen Parlamentarismus! Wenn der Islam zu Deutschland gehört, dann eben auch der Katholizismus. So konsequent muss man sein. Man könnte beide aussperren, wie dies die Laizisten fordern, aber wem würde das nützen? In diesem Falle müssste die Bundesregierung auch die Islamkonferenz einstampfen und die Armut im Lande selbst bekämpfen.

Die Frage ist eher, warum Papst Benedikt eigentlich unbedingt im deutschen Parlament sprechen möchte. Das wäre nur verständlich, wenn er eine geniun politische Botschaft mitbrächte. Wäre dies der Fall, könnten die Konservativen von der Rede vielleicht weniger angetan sein, als sie heute annehmen. Ultrakonservative Katholiken und islamophobe Rechtspopulisten sollten den Professor nicht unterschätzen. Ratzinger wird Sorge tragen, dass sein Redemanuskript nicht so schnell durchgestochen wird, wie in der CSU üblich.

Denn der doppelte Staatsbürger (deutsch und vatikanisch) und ultramontane Arbeitsmigrant Ratzinger ist zu selbstständig und zu reflektiert, um sich zum Büttel der Schimäre christlich-jüdischen Leitkultur machen zu lassen. Benedikt könnte dieser Bundesregierung im Hinblick auf ihren Umgang mit den Armen und Schwachen durchaus die Leviten lesen. Papst Benedikt könnte auch das Kirchenasyl verteidigen, auf die Rechte von Asylanten hinweisen oder den offenen Dialog mit dem Islam fordern und – wie in dem jüngst erschienen Interviewband - Moscheebauten in Deutschland begrüssen. Das wäre spannend und politisch tatsächlich so relevant, dass es einen Auftritt vor dem Hohen Hause rechtfertigen würde.

Der Papst im Bundestag? Warum eigentlich nicht?

http://www.bundestag.de/presse/pressemitteilungen/2010/pm_1012161.html