Samstag, 9. Oktober 2010

Özils Antwort

Es war ein ziemlich gutes Fußballspiel. Kämpferisch und doch weitgehend fair. Nach langem Zittern wurde die Partie durch das Tor des Deutsch-Türen Mesut Özil entschieden. Natürlich, es handelt sich nur um Fußball. Gleichwohl kann dieses Tor - aus mehreren Gründen - nicht losgelöst von der aktuellen Debatte über Integration betrachtet werden.

Özil dürfte das genauso sehen, denn er wollte dieses Tor in diesem Spiel. Er wollte es unbedingt. Sein Tor stellt zwar keinen eigentlichen Debattenbeitrag dar. Und doch war der Treffer zweifelsohne eine Erwiderung auf die Kritiker von beiden Seiten. Es war eine Replik auf die Missgunst mancher Deutscher, die immer noch an Özils Loyalität zweifeln. Es war aber auch eine Antwort auf die Pfiffe vieler türkischer Fans im Stadion.

Es ist verständlich, dass viele deutsche Zuschauer Anstoß an diesem Pfeifkonzert nahmen, aber auch Häme ist eben eine Facette des Fußballs. Natürlich nervt es Anhänger der türkischen Mannschaft, dass eines der größten Talente, ein Spieler von Real Madrid, nicht für sie antritt. Doch die Pfiffe stießen auch vielen Deutsch-Türken übel auf.

Eine bekannte deutschtürkische Schriftstellerin bekannte während der Partie auf Ihrer Facebook-Seite, dass ihr Fußballherz gerade sehr gespalten sei, doch stellte sie angesichts des Pfeiffkonzertes auch unmissverständlich klar:“ Mesut, kocum, lass Dich nicht verunsichern von den Schafsköppen, die Dich auspfeifen. Missgunst kommt gerne von türkischer Seite. Aber Erfolg die beste Rache! Go, Germany!“. Und als dann tatsächlich Mesut Özils Treffer fiel:“ Auch Allah bestraft die kleinen Sünden sofort! #Mesutauspfeifengehtgarnicht“.

Je stärker die Ignoranten im Stadion pfiffen, umso stärker solidarisierten sich viele Deutsch-Türken mit Özil- und mit seiner Entscheidung für Deutschland! In diesem Sinne war Özils Tor für viele Deutschtürken wohl ein schwieriger, aber wichtiger Moment. Özils internationale Karriere vermittelt ihnen Stolz und bietet Möglichkeiten zur Identifikation mit einem Vorbild.

Özils Tor war auch eine überzeugende Erwiderung aus der Welt des Faktischen auf eine qualvolle und selbstquälerische Debatte! Doch einige trotzige Reaktionen auf Özils brillante Leistung legen offen dar, dass er (und die deutschen Türken) es manchem Deutschen nie werden recht machen können. Ein Harr in der Suppe werden sie immer finden:Hymne nicht mitgesungen, Frau zur Konversion überredet, spricht türkisch mit den Eltern etc. etc.

Die Haltung der ewig nörgelnden Misanthropen ist heuchlerisch. Özils Tor war ein ultimativer Loyalitätsbeweis für seine Mannschaft. Mehr kann man von einem Fußballer nicht verlangen. Doch selbst wenn Özil zum christlichen Glauben konvertiert wäre und ausschließlich Lederhosen tragen würde, bliebe er für viele doch der „Türke“.

Diese Haltung gilt auch für den EU-Beitritt der Türkei. Viele, die sich auf Sachfragen oder gar Menschenrechte berufen, nehmen diese nur als Vorwand ihrer Ablehnung. Auch wenn die Türkei eine Art islamischer Schweiz wäre, wären die Nörgler gegen die Aufnahme.

Es sind oftmals eben diese Gruppen und Personen, die sich nun als Wortführer und Anstoßgeber der sogenannten Integrationsdebatte gebärden.

In diesem Sinne ist diese Integrationsdebatte selbst tatsächlich problematischer, als alle angesprochenen (und seit den 80ern oder 90ern bekannten) Mißstände. Diese hätte man beheben können, wenn man sich den Tatsachen gestellt hätte, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist und daher eine Zuwanderungs- und Integrationspolitik benötigt. Diejenigen, die nun aber Wortführer der Debatte sind, streiten eben diese (statistisch, aber auch ökonomisch und demographisch evidente) Einsicht in apodiktischer Weise ab.

Folgerichtig wollen diese stimmgewaltigen, wenngleich nicht wortmächtigen Gruppen und Personen auch gar keine Integrationsdebatte. Oftmals lehnen sie die Integration der in Deutschland lebenden Ausländer ab, insbesondere wenn es sich dabei um Muslime handelt. Auf der Wilders-Veranstaltung in Berlin fragte ein Redner: "Wollt Ihr ein islamisches Europa oder einen europäischen Islam". Der Mob antwortete: "Nein!". Fragen?

Das anschauliche Beispiel verrät: Was viele der „Tabubrecher“ und vermeintlich Integrationsbewegten um Stadtkewitz, Wilders und ja, auch um Sarrazin wirklich wollen, ist keine Debatte darüber, wie man die Integration voranbringen könnte. Man will vielmehr eine "Ausländerdebatte" (und spezifischer eine Türkendebatte)! Und auch diese Frage will man nicht eigentlich debattieren.

Manche wollen schlicht und einfach etwas dazu sagen, was unter einer dünnen Firnis aus biederer Bürgerlichkeit schlummert: "Ausländer stopp!" oder in manchen Fällen "Ausländer raus!" Viele über versäumte Integration vergossene Krokodilstränen sind demnach heuchlerisch.

Mann muss sich auch in Zukunft viele Treffer des deutschen Nationalspielers Mesut Özils wünschen, nicht zuletzt, um diesen beschriebenen Ungeist der Hypokrisie auch für politikferne Schichten sichtbar werden zu lassen.