Mittwoch, 6. Oktober 2010

Ein Nobelpreis für China?

In Oslo munkelt man, Haruki Murakami würden große Chancen auf den diesjährigen Literaturnobelpreis eingeräumt. Eine solche Entscheidung wäre vertretbar, wenngleich etwas ungerecht, da abermals keiner der wegweisenden Great American Novelists oder einen der amerikanischen Postmodernisten geehrt würde. Dennoch bietet der massenkompatible Murakami durchaus etwas stilistisch Genuines.

Gerade in China würde die Preisvergabe an einen in den USA lebenden Japaner keine Begeisterung auslösen. Strittiger ist jedoch eine ganz andere Entscheidung des Nobel-Komitees. Seit Monaten versucht die chinesische Regierung, die Vergabe des Friedensnobelpreises an einen chinesischen Dissidenten zu verhindern. So wurde die stellvertretende Außenministerin Chinas eigens nach Oslo entsandt, um der norwegischen Regierung gegenüber "Warnungen" auszusprechen, die dem Tatbestand der diplomatischen Einschüchterung durchaus nahekommen.

Diese befremdlichen Szenen ereignen sich, während fast ganz Europa die neue Konstruktivität Chinas lobt, weil es sich nun massiv in der kriselnden EU engagieren will. Dass sich das kühl kalkulierende Peking mit Griechenland hierfür ausgerechnet das schwächste Glied der EU ausgesucht hat, scheint niemand zu irritieren. Spötter könnten ätzen, dass EU-Stimmrechte im griechischen Falle sehr günstig an China abzugeben waren. So günstig, dass man Spanien noch dazukaufen könnte.

Natürlich. China ist an der Rettung des Euro durch Konsolidierung der europäischen Staatsfinanzen gelegen. Eine bei linearer Entwicklung absehbare europäische Schuldentilgung durch inflationäre Geldentwertung, würde China hart treffen. Gern wird übersehen, dass China nicht nur die größen Dollarreserven, sondern auch riesige Mengen an Euro hält. Dennoch hat jedes ökonomische Engagement Pekings eine zutiefst politische Dimension. In diesem Falle ist es die Einflußnahme auf politische Entscheidungen der Europäischen Union.

Die rationale Konstruktivität der (noch immer totalitären) politischen Führung Chinas sollte man nicht hierbei nicht in allen Angelegenheiten als gegeben ansehen. Denn just 150 Jahre nach dem demütigenden Fall Pekings im zweiten Opiumkrieg gegen Frankreich und Großbritannien hat Peking eine europäische Agenda, die (ähnlich wie im Falle Japans) durchaus emotional und nationalistisch aufgeladen ist.

China wünscht sich von der EU die politische Isolierung des Dalai Lama, eine Absage an jede Form der Anerkennung Taiwans, die Aufhebung des EU-Waffenembargos und es will, dass die Europäer endlich nachhaltig schweigen. Schweigen zu Menschenrechtsverletzungen, Zensur und Unterdrückung in China selbst, aber auch in den Ländern, die finanziell und politisch bereits eng an die Volksrepublik angebunden sind (wie z.B. der Sudan des wegen Völkermord international zur Fahndung ausgeschriebenen Präsidenten Bashir). Wie weit Peking diese Agenda verfolgen kann, hängt von der Standhaftigkeit der Europäer ab. Aber auch vom Mut Norwegens, das selbst nicht EU-Mitglied ist.

Will es seine eigene nationale Würde verteidigen, kann Oslo nach den chinesischen Bedrängungen kaum umhin, dem an Weihnachten 2009 zu 11 Jahren Haft verurteilten chinesischen Literaten Liu Xiaobo oder einem anderen chinesischen Dissidenten den Friedensnobelpreis zuzuerkennen. Eine solche Entscheidung hätte große symbolische Kraft und wäre ein Signal an China, dass Europas Werte (auch außerhalb Norwegens) nicht zur Disposition stehen. Auch nicht für das Linsengericht ökonomischer Assistenz in Krisenzeiten.