Freitag, 10. September 2010

Steinbach und die Konservativen

Die SPD kritisiert Frau Steinbach dafür, sie habe gegen den "demokratischen Konsens" verstoßen. Zwar können wir nur ahnen, was für eine Norm jener von der SPD propagierte "demokratische Konsens" eigentlich sein soll (und wer einen solchen verwaltet), aber die zitierte und vielfach bekräftigte Aussage Steinbachs erscheint bereits für sich genommen als krude und ahistorisch.

Geschichtsschreibung befasst sich mit Ereignissen und Personen, aber vornehmlich mit dem Entwicklungsverlauf von Strukturen. Das Datum der polnischen Mobilmachung ist vor diesem Hintergrund völlig trivial. Denn Polen hatte nach der deutschen Annexion Tschechiens (bitte verwenden Sie nicht den NS-Terminus „Tschechei“, liebe Medienschaffende) jeden Grund Verteidigungsbereitschaft herzustellen. Das hochgerüstete Deutsche Reich hatte Polen vor 1939 bereits Jahre aktiv bedroht und im Jahre 1939 durch den Hitler-Stalin-Pakt die konkreten Bedingungen für eine Zerschlagung Polens zwischen UdSSR und Deutschland zu schaffen. Den deutschen Überfall auf Polen also zum präventiven Erstschlag oder gar zum „zweiten Schritt“ umzudeuten, wie es offenbar durch Vertreter des BdV in der Versöhnungsstiftung (sic!) zum Themenkomplex Vertreibung geschah, kann nicht als „konservativ“ bezeichnet werden. Es handelt sich schlichtweg um dummdreisten und ignoranten Revisionismus.

Steinbach sollte wissen: Konservative sind in der Geschichte verwurzelt. Konservative gestehen der Geschichte einen Eigenwert zu, sie suchen die Historie aus der Zeit heraus zu verstehen. Konservative suchen Geschichte eben nicht zu instrumentalisieren, um politische Entwicklungen in Gegenwart und Zukunft zu legitimieren. Konservative haben Respekt vor der Geschichte, doch die ihre – fast notorische - Skepsis ist zu groß, um der Geschichte einen „Weltgeist“ zuzugestehen. Deswegen sind viele gute Historiker (zumindest habituell) oftmals eher konservativ und ideologieavers.

Frau Steinbach hingegen hat sich schlicht und einfach verrannt. Die wiederholten Äußerungen von Frau Steinbach liegen weit unter dem Niveau dieser mir aus dem Bundestag als gebildet, engagiert und honorig bekannten Frau.
Zuerst konnte ich mir nicht vorstellen, dass Frau Steinbach sich dementsprechend geäußert haben soll. Die vorangegangenen Einlassungen der Funktionäre haben die Arbeit der Stiftung "Vertreibung, Flucht, Versöhnung" belastet. Dass Frau Steinbach nicht nur die Personen, sondern auch deren instinktlose Aussagen aus falsch verstandener Loyalität verteidigt hat, disqualifiziert sie. Sie hätte vielmehr das Gespräch mit den beiden BdV-Männern suchen und sie zur Ordnung rufen müssen. So aber ist sie ihrem Mandat, ihrer Rolle und ihrem eigenen konservativen Anspruch nicht gerecht geworden.

Denn um Konservatismus in ein breiteres politsches Projekt umzuwandeln, bedarf es verantwortungsvoller, demütiger und konstruktiver Führungsfiguren, die den allein schon kulturgeschichtlich eher elitär behafteten Anspruch und Habitus des Konservatismus "popularisieren" können. In Großbritannien - dem Land Burkes und Churchills - ist das immer wieder gelungen. Aber auch Bismarck und Adenauer (und in einer ganz anderen Ausformung auch FJS) hatten diese charismatische Eigenschaft. Nehmen allerdings ressentimentgeladene Zwerge den Platz solcher Führungspersönlichkeiten ein, degenerieren konservative Bewegungen allzu oft zu destruktiven rechtspopulistischen Entitäten.