Dienstag, 17. August 2010

BLACK BOX DDR - das vielleicht wichtigste politische Buch des Jahres

BLACK BOX DDR ist – neben den Memoiren des Joachim Gauck - das vielleicht wichtigste politische Buch des Jahres! Unbedingt lesen!

”Jede Diktatur entwickelt ihre eigene Sprache, um ihre Verbrechen zu relativieren oder gar in historische Notwendigkeiten umzudeuten. Durch rigorose Durchsetzung dieser neuen Sprachnormen suchen insbesondere totalitäre Regime, ihren Herrschaftsbereich bis in das Denken der Beherrschten hinein zu erweitern und das Handeln der Täter zu legitimieren. Vor allem aber sollen die Opfer noch im Leiden stigmatisiert werden. Indem ihnen – den Opfern- Scham aufgezwungen wird, nimmt man ihnen letztlich die eigene Sprachfähigkeit.

Die DDR bildet hier keine Ausnahme: So kam in der ideologiegeladenen Terminologie des SED-Staates dem abstrakten Begriff der „Humanität“ einen herausragende Rolle zu. Das Schicksal des einzelnen Menschen wurde hierdurch der Utopie eines vermeintlich menschlichen Kommunismus untergeordnet. Wer sich der Vorstufe des menschheitsbeglückenden „real existierenden Sozialismus” der DDR – bewusst oder unbewusst – widersetzte, beging nach dieser Sicht ein Verbrechen an dieser „Humanität“ und musste bestraft werden.

Zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer sind die Opfer von Stasi, Mauerregime, von Verschleppung, Entrechtung, Enteignung, und Zwangskollektivierung oftmals sprachlos geblieben, während die Täter sich heute wieder ungeniert feiern (Die mit der Linkspartei eng verbundene Tageszeitung jungeWelt lädt für diesen Donnerstag zu einer Hommage an die Stasi-HVA in ihr Berliner Verlagsgebäude).

Um so bedeutsamer ist der jüngst im sehr feinen Marixverlag erschienene Band ”Black Box DDR”, hg. von Ines Geipel/Andreas Petersen.

Hier erhalten die einzelnen und ”einfachen” Menschen Sprache und Würde zurück. Sozialdemokraten, Vertriebene, Geistliche, Juden, Zeugen Jehovas und Bauern erzählen, wie sie zwischen die Räder eines totalitären Regimes gekommen sind.

Gerade da in diesem Band eben keine systemischen Einsichten und Bewertungen vorgenommen werden und die Erinnerung der Menschen nicht in politische und ideologische Raster gepresst wird, ist diese Sammlung ein wirksames Gegengift gegen jede Form ostalgischer Verklärung und die – allzu oft unwidersprochenen - Rechtfertigungen der Täter.