Samstag, 31. Juli 2010

"Verstrahlt"? - Seehofer fordert die unbegrenzte Laufzeitverlängerung für AKWS-mit extrem instinktlosem Timing

CSU-Chef Seehofer muss konzediert werden, dass er mit seiner Forderung nach unbegrenzten Laufzeiten für Atomkraftwerke einmal nicht populistisch - i.S.v. populär - agiert hat.

Wer glaubt, die Motiation für Seehofers Vorstoß im kommenden Rechenschaftsbericht der CSU (Rubrik Spenden und Zuwendungen) zu finden, denkt zwar grundsätzlich richtig, strategisch aber etwas zu kurz.

Denn letztlich wohnt allen Äußerungen und Handlungen Seehofers etwas zutiefst doppelbödiges, um nicht zu sagen "hinterfotziges", inne (Seehofer selbst würde swohl chmunzelnd einwenden, "schlitzohrig" sei ihm als Begriff schon lieber, aber das sei nicht zitierfähig).

So liegt Seehofer mit seiner kontroversen Forderung in erster Linie daran, die Linie der Kanzlerin und ihres Ministers Röttgen zu konterkarieren, um sich wiederum von der unpopulären Bundesregierung abzusetzen- notfalls auch als Deutschlands Atompartei. Seehofer unterstreicht erneut, dass ihm das Schicksal dieser Bundesregierung völlig gleichgültig ist, solange die CSU in Bayern die Macht behält. Nur hieran wird er gemessen werden.

Dass Seehofers Pressestelle für die "Atomoffensive" jedoch ausgerechnet das Wochenende vor dem 6. August ausgesucht hat, ist mit instinkt- oder gedankenlos noch höflich umschrieben. Vielmehr ist dieses Timing so dämlich, dass sogar der Autor dieser Zeilen, der einschlägige Erfahrungen mit der CSU-Pressestelle sammeln durfte, nur noch den Kopf schütteln konnte.

Am 6. August vor just 65 Jahren wurde die Atombombe über Hiroshima abgeworfen. Jedes auch halbwegs intelligente Medium auf der Welt wird dieses Datum reflektieren müssen. Man wird sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, Seehofers Wortmeldung mit diesem traurigen historischen Kontext zu verbinden.

Für Außenpolitiker ist der Zusammenhang nicht ganz absurd, sondern täglich Brot. Als maßgeblich innenpolitisch interessierter Mensch mag man jedoch einwenden, es sei polemisch einen Zusammenhang zwischen den Laufzeiten von Kernkraftwerken und Hiroshima herzustellen, doch Polemik - und zwar von Medien, die mehr als Leser dieser Blog haben - wäre wohl das Mindeste, was eine CSU- Pressestelle einkalkulieren muss, die eine Initiative verlautbart, die 80% der Bürger gruseln und die Stabilität der Bundesregierung weiter erodieren läßt. Ein kurzer Blick in den historischen Kalender ist bei so einem großformatigen Vorhaben gar nicht zu verachten.