Sonntag, 13. Juni 2010

...und der Zukunft zugewandt?"

Bundeskanzlerin Angela Merkel wandte sich heute an die Nation. Sie tat dies mittels eines Interviews in der Bild am Sonntag („BamS“). In dieser Konstellation eigentlich eine durchaus verzichtbare Lektüre.

Doch Merkel nutzte das vielgelesene Blatt heute zum breiten Aussenden einer seltsamen Botschaft. Merkel erklärt sich im Interview mit dem Boulevardblatt unter anderem zur Frage der Wahl eines neuen Bundespräsidenten. Auf die Frage, warum nicht der DDR-Bürgerrechtler Joachim Gauck, sondern Christian Wulff der richtige Kandidat sei, erklärt die Uckermärkerin: "Er ist es, weil er ein festes Wertefundament hat und der Zukunft zugewandt ist."

„Der Zukunft zugewandt“? Das klingt in der Tat vielen noch schrecklich vertraut. Nun kennt sicher nicht mehr jeder den Lyriker Johannes Becher, sein bekanntestes Werkstück „Auferstanden aus Ruinen“ hat aber offenbar die Zeit überdauert. 
Das Absingen der „Nationalhymne“ der DDR war im Arbeiterparadies zwar spätestens seit dem Mauerbau verboten, doch galt der Text des Staatsbarden im real existierenden Sozialismus durchaus als kanonisch.

Nun benutzte Merkel die wohlbekannte Textzeile ausgerechnet um die vermeintlichen Vorteile des westdeutschen Politikers Wulff gegenüber dem Stasi-Aufklärer Gauck herauszustreichen. Eine solche Wahlwerbung hätte die Kanzlerin dem honorigen Wulff ersparen können, insbesondere bei ostdeutschen Wahlmännern von Union und FDP dürfte sich zu Recht ein gewisses Ausmaß an Befremden ausbreiten.

Doch wieso verfiel Merkel auf diese missverständliche, zumindest jedoch sehr unglückliche Formulierung? War es ein lapsus linguae – ein sprachliches Ausgleiten? Die Kanzlerin ist keine begnadete Rhetorikerin, ein sprachlicher „Lapsus“ indessen kann gänzlich ausgeschlossen werden. Merkel ist viel zu clever und zu beherrscht. Konzentriert und nüchtern in jedem Gespräch. Kein Wort zuviel lautet ihre Devise - selbst beim vermeintlichen small-talk. Dass Merkel aber in solch einer delikaten Situation die Kontrolle über sich verliert, kann getrost verworfen werden.

Zudem werden Interviews auf dieser Ebene peinlich genau redigiert und erst nach zahlreichen Korrekturschleifen und abschließender Freigabe der Regierungssprecher und des Bundeskanzleramtes gedruckt.
Mögliche Anhänger einer „Lapsus-Theorie“ seien zudem auf ein FAZ-Interview aus der nämlichen Woche (http://www.faz.net/s/Rub594835B672714A1DB1A121534F010EE1/Doc~E1ABC721697F14A0DAE281873297EB6B6~ATpl~Ecommon~Scontent.html) verwiesen. Die Kanzlerin lobte den Präsidentschaftskandidaten Christian Wulff an dieser Stelle gleich zwei Mal mit den Worten, er persönlich und seine Gesellschaftspolitik seien "der Zukunft zugewandt". Kollegen haben bereits an diesem Tag irritiert auf die fragwürdige (und weitgehend inhaltsleere) Phrase hingewiesen.

Dies alles legt den Schluss nahe, dass die Bundeskanzlerin großen Wert auf die Verbreitung dieser Formulierung legte. So fragt man sich, welche Absicht die Kanzlerin mit ihrer Wortwahl verfolgte. Worin liegt die subkutane Botschaft der erratisch anmutenden Einlassung? Wer sind die eigentlichen Adressaten? Appelliert Merkel nur an die ostdeutsche Identität? Stützt Merkel mit ihrer zumindest missverständlichen Äußerung die Aussage der Linkspartei, dass Joachim Gauck ein „Mann der Vergangenheit„ sei? Wirbt sie damit um die Stimmen der Linken für Wulff? Oder war etwa Gauck der eigentliche Adressat der Botschaft?

Vermutlich werden wir das kommunikative Kalkül der Kanzlerin in dieser Frage nie ganz nachvollziehen können. Dass ihre Kommunikation in einer Krisensituation vom Souverän, ja selbst von Parteifreunden, nicht mehr vollumfänglich verstanden werden kann, spricht nicht für Merkel. So hinterlässt die wiederholt vorgetragene Formulierung der Kanzlerin zwar keinen nachhaltigen Eindruck beim Souverän wohl aber einen etwas faden Beigeschmack.