Sonntag, 13. Juni 2010

Polenz und Özil

Darf man eine Rezension über ein Buch schreiben, dass man (leider noch) nicht selbst von der ersten bis zur letzten Seite gelesen hat? Nein, das darf man nicht! Selbst wenn dies vielfach verbreitete Praxis geworden sein mag.

Sollte man ein neu erschienenes Buch nicht zumindest empfehlen, dessen Autor man als kenntnisreichen und verantwortungsvollen Menschen schätzt? Ein Buch, dessen zentrale Einsichten man seit Jahren kennenlernen durfte und in vielen Punkten teilt? Sollte man ein Buch empfehlen, das wesentlich zur substanziellen Diskursfähigkeit der Leser beitragen wird – egal, ob sie sich der Konklusio des Autors anschließen möchten? Aber ja, unbedingt!

Ich möchte diese Empfehlung im Falle des Debattenbeitrages „Besser für beide - Die Türkei gehört in die EU “ von Ruprecht Polenz, erschienen im Verlag der Körber Stiftung, gerne bereits heute abgeben, denn dieses Buch muss jetzt gelesen werden. Und das von möglichst vielen!

(http://www.koerber-stiftung.de/edition-koerber-stiftung/programm/politikgesellschaft/artikel-detailseite/ka/politikgesellschaft/bp/neue-buecher/buch/besser-fuer-beide.html)

Eindrückliche Rezensionen des Buches wären hier fehl am Platze, denn diese haben bereits klügere Köpfe verfasst, so Michael Thumann in der Wochenzeitung DIE ZEIT: "In der Türkei-Debatte scheint alles bis zur Erschöpfung gesagt zu sein. Da grenzt es an ein Kunststück, wenn einer noch was Neues hinzufügen kann. Genau das ist Ruprecht Polenz gelungen." (DIE ZEIT vom 10.06.2010).

Polenz beweist Mut und Rückgrat, denn er publiziert sein Buch in einem Zeitabschnitt, in dem er für seine Position innerhalb der Unionsparteien kaum Beifall erhalten wird. Fremdenfeindlichkeit, Islamophobie und erschreckend zynischer Euroskeptizismus haben teils mittlerweile auch Eingang in die „staatstragenden“ Parteien gefunden. Die Türkei war allzu oft der Sack auf den man schlug, wenn man den Esel meinte.

Insbesondere die CSU fokussierte im Europawahlkampf 2009 ihren Wahlkampf auf eine apodiktische Ablehnung künftiger Erweiterungs- und Integrationsschritte der EU. Diese fusste allein auf diffusen und irrationalen Ressentiments. Wie Polenz heute, wandte sich der Autor damals gegen eine irrationale und emotionalisierte Thematisierung der Frage eines türkischen EU-Beitrittes und warnte vor einer daraus resultierenden Stigmatisierung der Partei als fremdenfeindlich und opportunistisch. Der Preis war hoch, die Mühe vergebens.

Polenz ist mehr Glück zu wünschen und er kann seinen Kritikern, die ihn als Linksabweichler schmähen, durchaus entgegenhalten, dass nicht allein CDU-Vordenker wie ex-CDU-Generalsekretär Volker Rühe und Hamburgs Ole v. Beust seine Argumentation in den entscheidenden Punkten teilen. Auch der für die CDU einst als konstitutiv geltende Wirtschaftsflügel und die international denkenden Transatlantiker beurteilen die Frage schon lange ohne „Schaum vor dem Maul“, werden aber von den Seehofers und Schäubles zum Schweigen verdammt.

Polenz wichtige Schrift kommt zu einem Zeitpunkt, an dem mit Mesut Özil ein Deutsch-Türke in die Deutsche Fußball- Nationalmannschaft nominiert wurde. Sollte dieser bei der WM reüssieren, könnte der untadelig rational-intellektuelle Debattenbeitrag von Polenz durch ein unerwartetes emotionales Moment ergänzt werden.

Doch ähnlich Polenz muss sich auch Nationalspieler Özil teils unsachlicher, ja an Heuchlei grenzender, Kritik aussetzen. Wer sich - wie die unvermeidliche BILD - befremdet gibt, dass Özil beim Abspielen der deutschen Nationalhymne zu Allah betet, hat vom modernen Deutschland, diesem großartigen Land mit seinen bemerkenswerten Möglichkeiten, wohl so rein gar nichts verstanden.

Diese liegen in einem Klima gesellschaftlicher Toleranz, in Kooperation und Integration begründet. Integration von jungen Migranten in Deutschland und auch die Integration der Türkei in Europa. Die Lektüre des Buches des modernen deutschen Patrioten Ruprecht Polenz kann auch hier wesentliche intellektuelle Hilfestellung anbieten.

Für die rechtspopulistischen Scharfmacher dürfte die Aussicht auf eine hohe Auflage für Polenz’ Buch jedenfalls einen ebenso veritablen Albtraum bedeuten wie ein alles entscheidendes Siegtor von Özil.

In diesem Sinne: Viel Erfolg, Mesut Özil! Viel Erfolg, Herr Polenz! Deutschland dankt für Ihren Einsatz!