Dienstag, 15. Juni 2010

Leitartikel - Zur Haltung der FAZ in der Präsidentschaftsfrage

Kenner des Berliner Betriebes wissen, welche hektische Betriebsamkeit ein Anruf aus dem Kanzleramt in einer Redaktion auslösen kann. Zwar sind die Medien in diesem Lande formal unabhängig, doch allein die Andeutung, man könne für einen Zeitraum die Gnade der politischen Spitze verlieren, verbreitet auch unter gewichtigen Chefredakteuren Angst und Schrecken.

Das betrifft nicht nur die politisch abhängigen Redakteure in den öffentlich-rechtlichen Medien (Johannes Raus Aktivitäten gegenüber dem WDR sind Legion und auch die CSU schaut beim BR nach dem Rechten) oder innerhalb des Medienbeteiligungsunternehmen der SPD - Deutsche Druck- und Verlagsgesellschaft mbH (dd_vg) mit Sitz in Berlin und Zweigniederlassung in Hamburg ( z.B. Frankfurter Rundschau, Westfälische Rundschau, Nordbayerischer Kurier, Sächsische Zeitung, Morgenpost Sachsen, Frankenpost usw. usf.). Auch wirtschaftlich unabhängige Blätter hören auf die Ordnungsrufe der Regenten.

Denn bei den ranghöchsten Volksvertretern „in Ungnade zu fallen“, hieße je nach Grad der Verfehlung, nicht mehr zu Hintergrundrunden am Kamin eingeladen zu werden und somit den Zugang zu exklusiven Zitaten und intrigenreichen „Zurufen“ über Parteifreunde zu verlieren. Auch eine schöne China-Reise im Medientross des Regierungschefs kann bei vermeintlichem Fehlverhalten schon einmal entfallen.

Der Anruf eines Spitzenbeamten der Regierung verbunden mit der Aussage, der Kanzler oder Ministerpräsident sei "nicht sehr glücklich“ über einen Artikel, löst dann die wohl gängigste Form exogen verursachten Aktionismus’ seitens der Herausgeber oder Chefredaktion aus: Den Leitartikel. Der Leitartikel signalisiert, dass eine Angelegenheit zur Chefsache erklärt wird. Folglich gilt der Leitartikel - nomen est omen - durchaus als Ordnungsruf (neudeutsch: Basta!) an die oft wagemutigeren unteren Etagen der Redaktion.

Ein solcher Zuruf der politischen Spitze ereilte offensichtlich Günther Nonnenmacher von der Frankfurter Allgemeinen (FAZ). Vermeintlichen Grund „nicht sehr glücklich“ zu sein, hatte das Kanzleramt genug, denn die FAZ schrieb zeitweise sehr anerkennend über den Bürgerrechtler und Stasi-Aufklärer Gauck.

Diese "subversiven" Aktivitäten wurden prompt ein wenig eingedämmt: Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS), die kleine Schwester des Leitmediums der deutschen Konservativen, publizierte einen - zu diesem Zeitpunkt wohl exklusiv an diese Zeitung gerichteten - Aufruf prominenter und intellektueller Multiplikatoren nur ganz verschämt und auszugsweise in einer Feuilletonspalte. Vollständig ist der bemerkenswerte Aufruf nur online, was bei Exklusivgaben dieser Gewichtsklasse doch mehr als ungewöhnlich ist. (http://www.faz.net/s/Rub7FC5BF30C45B402F96E964EF8CE790E1/Doc~E6F9EF2B9C1AD43E0822B601189281873~ATpl~Ecommon~Scontent.html). Vielleicht war es ja ein Platzproblem, denn der Politikteil wurde mit einem etwas klatschigen Beitrag mit Wulffs zweiter Gattin befüllt.

Am Montag dann die Breitseite. Der lahme Namensbeitrag von Ursula v. d. Leyen zum Thema war nicht der Rede wert, denn bei einem nicht zum redaktionellen Teil gehörigem Namensartikel steht ja bekanntlich drauf, was schlussendlich drin ist. Zudem beschränkte sich v.d. Leyen lobenswerter Weise weitgehend darauf, den Kandidaten Wulff zu loben, ohne den anderen Kandidaten explizit madig zu machen.

Günter Nonnenmacher hingegen, immerhin (Mit-) Herausgeber der FAZ, veröffentlichte einen Leitartikel für den das Prädikat Themaverfehlung noch geschmeichelt wirkt. http://www.faz.net/s/Rub594835B672714A1DB1A121534F010EE1/Doc~E6F9EF2B9C1AD43E0822B601189281873~ATpl~Ecommon~Scontent.html. Der Beitrag wird bereits von CDU-MdB gepostet:

Nonnenmacher schwadroniert erst etwas allgemein von Politikverdrossenheit, kommt dann schnell auf die symptomatisch auftretenden Erfolge von Links- und Rechtspopulisten und stolpert dann ungelenk weiter, bis er schliesslich irgendwie bei Gauck endet. Nonnenmacher erblödet sich nicht, ausgerechnet dem ehemaligen Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde (sic!) Naivität zu unterstellen. Gauck kann sich in guter Gesellschaft fühlen, denn Nonnenmacher schmäht auch US-Präsident Lincoln des pathetischen Illusionismus. Starker Tobak, denn Lincoln gilt noch heute gemeinhin als Amerikas größter Präsident und führte sein Land durch einen Bürgerkrieg. Auf Lincolns Bibel schwören US-Präsidenten ihren Amtseid.

Nonnenmacher sieht den DDR-Bürgerrechtler und Widerständler Joachim Gauck als Ausfluss der Sehnsucht der Bürger nach dem „anti-politischen“ im Präsidentenamt. Eine Sehnsucht der Deutschen, für die Nonnemacher (die nächste Schmähung) auch ausdrücklich Köhler und einige Amtsvorgänger in Mithaftung nimmt. Und so findet Nonnenmacher zu Ende seines Textes noch einen Hauptschuldigen: Den Souverän. Dieser sei in seiner Mehrheit eben ein bisschen romantisch (vulgo naiv) veranlagt und wisse nicht was gut für ihn sei. Nicht allein blitzen hier vordemokratische Argumentationsmuster durch, Nonnenmachers Beitrag geht zudem völlig am Kern der Debatte vorbei.

Die Lektüre der heutigen Ausgabe der einst stolzen FAZ ist insgesamt "entbehrlich" zu nennen. Der seltsame Beitrag Nonnenmachers aber wirkt geradezu abschreckend und wie ein peinlich verzweifelter Versuch, in einer längst verlorengegangenen Diskussion mit allen Mittel Raum zu gewinnen. Dieser Leitartikel war zum Abgewöhnen. Das Stück könnte dennoch Wirkung entfalten – jedoch entgegen der Intention des Autors und des vermutlichen spiritus rector.