Dienstag, 1. Juni 2010

Köhler

Die Causa Köhler ließ mich gestern sprachlos zurück. Das höchste deutsche Staatsamt ist praktisch vakant. Aus einer Regierungskrise könnte eine veritable Verfassungskrise entstehen. Der Trend zur Flucht aus der Verantwortung, um nicht zu sagen zum Desertieren, rührt nunmehr an die Grundfesten der Republik. Dass sich dies alles im Umfeld einer globalen wirtschafts- und Finanzkrise ereignet, verleiht der Gemengelage zusätzliche Brisanz.

Finanzkrisen sind immer auch politische Vertrauenskrisen. Dass innerhalb weniger Wochen gleich zwei Inhaber bedeutender staatlicher Ämter alles hinschmeißen, ist nicht akzeptabel. Ein solches Verhalten muss letztlich als egoistisch, narzisstisch und verantwortungslos bezeichnet werden. Dennoch überwiegt im Fall Köhler die Trauer, denn Köhler geht nicht mit der - angesichts künftiger Wirtschaftsgehälter - händereibend-dreisten Selbstgerechtigkeit eines Roland Koch. Köhler geht als geschlagener, vielleicht gar gebrochener Mann.

Hierin liegt eine neben der politischen auch eine tiefe persönliche Tragödie, denn Köhler war ein Mann mit Grundsätzen, ein Charakter, ein Überzeugungstäter. Köhler genoß zurecht den Ruf eines Stehers, nicht den einer Mimose. Innerhalb seiner bemerkenswerten Karriere hatte der Weltökonom Köhler durchaus Leidenfähigkeit bewiesen. Ich selbst war Zeuge als der IWF-Chef Köhler während der argentinischen Finanzkrise des Jahres 2001 als "Faschist" und "Völkermörder" beschimpft wurde und der Mob in Buenos Aires Todesdrohungen gegen ihn ausstieß. Die populistischen Politiker Argentiniens ignorierten seine Warnungen, verbrannten die Milliarden des IWF für ihre klientelistische Günstlingswirtschaft und unterliefen die reformorientierten Maßnahmenpakete des IWF. Köhler ertrug dies alles und überwachte nach der absehbaren Implosion Argentiniens die Unterstützungsmaßnahmen des IWF für Argentinien. Köhler tat dies mit preußischem Ernst, nüchtern und konstruktiv, ohne Klagen und ohne Häme. Er war ein anderer Mann in diesen Tagen.

Nicht zuletzt deshalb verbanden sich mit Köhlers Amtsantritt viele Hoffnungen auf Reformen - nicht nur ökonomischer Natur. Köhler wurde viel zugetraut, denn er stellte geradetz eine Antithese zum Personaltableau der gängigen deutschen Parteipolitik dar. Das machte ihn im Volk populär, aber in eben dieser clase politique bald auch verhasst. Köhler, der brillante Akademiker, der kompetente Mann der Wirtschaft, der polyglotte Kosmopolit stellte allein durch seine Anwesenheit die personelle Mangelhaftigkeit der deutschen Parteienstaates in gnadenloser Weise bloß.

Nicht nur seine geistige Elastizität und Weltläufigkeit trennte ihn von den Führern der Berliner Republik, auch menschlich blieb Köhler nicht nur verbindlich, sondern im Sinne des Wortes anständig. Vielleicht lag in dieser Eigenschaft das eigentlich distinktive Element, welches Köhler von den Eliten trennte. Dass Köhler uns nun zurückläßt mit einer größtenteils inkompetenten, vielfach degenerierten, aber in jeder Hinsicht mediokren Kaste von Politikern kann ihm bei aller Empathie nicht verziehen werden.