Montag, 3. Mai 2010

Bürgertum und Einheitsschule

Ralf Beste vom Spiegel mutmaßt, die Grünen nutzten das Thema Gemeinschaftsschule erfolgreich, um junge bürgerliche Wählerschichten für ihre Partei zu erschließen. Eine bemerkenswerte analytische Fehlleistung!

Denn die vermeintlich angesprochenen jungen städtischen Bürgereliten können sich ganz offensichtlich kaum etwas Unattraktiveres vorstellen, als (ihre eigenen) Kinder auf Gesamtschulen zu schicken.

Das bemerkenswerte Wachstum des Privatschulsektors im Gesamtschulparadies Berlin (wo das stilbildende Gesellschaftssegment der liberalen und gebildeten Jungbürger verortet wird) gibt beredtes Zeugnis von dieser Entwicklung. Akademiker- und Arbeiterkinder lernen ausgerechnet dort schon lange nicht mehr gemeinsam.

Die Präferenz für das – zu Unrecht als elitär verpönte - deutsche Gymnasium ab dem zehnten Lebensjahr mit Altgriechisch, Französisch oder fakultativem Früh-Chinesisch ist gerade bei den jungen, liberal-urbanen Familien stark vertreten. Tatsächlich hat die Gesamtschule mit der konkreten und persönlichen Lebenswirklichkeit des neuen Bürgertums also keine nennenswerten Berührungspunkte. Die Einheitsschule bleibt somit, was sie in den 1970er war: Projektionsfläche der linken Ideologen.

Doch selbst dieses deutsche juste milieu (und hier insbesondere die eigentliche clase politique) schätzen klassische Bildung im eigenen Familienkreis durchaus. So gehören nicht nur jungen Ministerialbürokraten, Ärzte und Lehrer, sondern auch diejenigen, die sich politisch am lautesten für die egalitäre sozialistische Einheitsschule stark machen, zur Stammklientel der elitären Privatschulen.

Vordergründig mögen Politiker von SPD und Grünen voller Furor dem Ziel der egalitären Gesamtschule dienen, doch beglücken wollen sie damit lieber, nun ja, die Kinder „der Anderen“.

Ihre eigenen Zöglinge senden SPD-Politiker, DGB-Gewerkschaftsvorsitzende, grüne Anwälte und dogmenerprobte Alt-68er-Studienräte (ebenso wie wohl auch Spiegel-Redakteure) viel lieber zu den Jesuiten, zu teuren Reformpädagogen oder eben gleich auf englische boarding schools als in die politisch korrekte Gesellschaftswerkstatt Gesamtschule. So wird im deutschen Schulstreit ein geradezu befremdliches Ausmaß an Heuchlerei gepflegt.

Dass mit der Durchsetzung der staatlichen Einheitsschule und dem damit fast automatisch einhergehenden Wachstum des Privatschulesektors gute Schulbildung aber tatsächlich zum Luxusgut wird, zeigt sich nicht nur in Berlin, sondern besonders lehrreich in Großbritannien.

Sozialistische Regierungen schlossen dort die einst legendären öffentlichen Gymnasien (grammar schools), die nicht zuletzt als Aufstiegskatalysatoren für die begabten Knder der Kleinbürger und Arbeiter dienten, und ersetzten diese durch zwanghaft menschheitsbeglückende Gesamtschulen (comprehensive schools).

Deren Niveau ist noch heute so furchterregend schlecht, dass jede Mittelklassefamilie die letzten Ersparnisse für die privaten boarding schools zusammenkratzen muss, um den Kindern die Zugangschancen auf halbwegs angesehene Hochschulen zu wahren. Hochrangige Arbeiterführer und Labourpolitiker, deren Kinder comprehensive schools besuchen, sind auch auf der Insel nur sehr vereinzelt aufzufinden. England und Schottland, welche die besten Universitäten (und Privatschulen) Europas beherbergen, liegen in den Pisa-Tests heute deutlich hinter den Nachbarn.

In Britannien läßt sich eindrücklich nachvollziehen, dass die Einheitsschule das dekundäre Bildungssystem insgesamt schwächt und - trotz guter Vorsätze - die Bildungsdynamik der kaufschwachen Schichten und der Migranten faktisch hemmt. Die Akademikereliten (und die politische Klasse) hingegen zahlen einen Obolus und erhalten - exklusiv und privat - die bestmögliche Bildung für ihre Kinder. Gleichzeitig wird mit der Gesamtschule eine staatliche Auffangbehörde geschaffen- für die anderen, mit denen man es ja eigentlich nur gut gemeint hat. Der bildungspolitische Anspruch des Staates beschränkt sich bald auf die Resteverwertung.

Am Ende dieser Entwicklung stehen mehr Ungleichheit, ein geringeres Bildungsniveau, der Verlust kultureller Substanz, weniger Aufstiegschancen und weniger Chancengleichheit. Die üblichen Ergebnisse ideologisch determinierter Gesellschaftsplanung.