Freitag, 9. Oktober 2009

Herta Müllers Ehrung und die Frankfurter Buchmesse

Die Rumäniendeutsche – früher hätte man wohl gesagt Banater Schwäbin - Herta Müller ist von der königlich-schwedischen Akademie der Wissenschaften mit dem diesjährigen Literaturnobelpreis ausgezeichnet worden.

Es ist nahezu eine Binsenweisheit, dass den Entscheidungen der Akademie stets - ein nicht immer subtiler - politischer Hintergrund zueigen ist. Manchmal trägt dies seltsame Blüten. Nicht zuletzt, da die Nobel-Juroren die US-amerikanische Gegenwart nicht goutieren, verweigern sie sich seit Jahren einer Vergabe des Nobelpreises an einen amerikanischen Autor. In Anbetracht der stil- und geschmacksbildenden Kraft, angesichts der Ausdrucksfähigkeit und ungeheuerlichen Relevanz amerikanischer Literatur mit Autoren wie Roth, Irving, Updike und wohl auch eines Forster (Vergaß ich in der ersten Fassung tatsächlich Thomas Pynchon? Asche über das Haupt des Autors! Zur leichtfertigen Buße: Lesen Sie "Inherent Vice" und sehen Sie, wie der Kriminalroman die Weltherrschaft übernimmt) sowie der Potenz des amerikanischen Büchermarktes wirkt dies trotzig und fast ein wenig albern.

Auch in diesem Jahr ist der Literaturnobelpreis eine Art politisches Memento und dieses ist vielschichtiger - man könnte durchaus sagen- subtiler als man glauben mag.

Nicht ohne Zufall wurde genau 20 Jahre nach dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus, nach dem Mauerfall eine zentraleuropäische Dissidentin und Emigrantin ausgezeichnet. Die Entscheidung ist würdig und angemessen zu nennen, denn Müllers Kunst ist auch stilistisch über jeden Zweifel erhaben.

Die Auszeichnung bedeutet damit nicht zuletzt eine schallende Ohrfeige für das deutsche Kulturestablishment, denn eine deutsche „Spätaussiedlerin“ aus dem Banat, welche die Verbrechen Stalins und der rumänischen Securitate gegen ihre deutsche Volksgruppe zum Lebensthema machte, war wohl so ziemlich das letzte, womit sich der deutsche Kulturzirkus auseinandersetzen wollte. Müllers Themensetzung passte thematisch irgendwie nicht in die Literatur-Talkrunden und die Feuilletons der linksliberalen Blätter.

Zwar druckte ausgerechnet die taz Beiträge der sprachlich formidablen Müller, worauf man jetzt sehr stolz verweist, doch an der Gulag-Thematik und der Verschleppung Deutschstämmiger in die UdSSR hatte man am besagten Ort allerdings doch weniger Interesse. So ehrlich sollte man bei der taz, die in der jüngst in „Rudi-Dutschke-Strasse“ umbenannten Kochstrasse residiert, bitte bleiben.

In der Stunde des Triumphs wird Müller von der taz sogar eifrig umgedeutet. Sie sei eben eine „Autorin der Migration“ heißt es. So kann man das vermutlich auch nennen. Eigentlich sei Frau Müller „nicht so eindeutig“ eine „deutsche Schriftstellerin“ schob die taz am gestrigen Tag nach und war wieder im Reinen. Ach je…!

Die Verrenkungen dieses Teils des deutschen Feuilleton unterstreichen vielmehr, dass Müller sehr wohl in jeder Hinsicht eine deutsche Schriftstellerin ist. Dies auch im Hinblick darauf, wie sie rezipiert wird. Heute und in Zukunft.

Günther Grass schmückt jedes Schulbuch der gymnasialen Mittelstufe. Wird Müller in diesen Kanon der deutungswütigen deutschen Lehrerschaft (Die SPD sei heute eine Partei alter Lehrer sagte deren Vorsitzender Sigmar Gabriel) eingehen? Vermutlich vorerst nur mit Landschaftsbeschreibungen von Banater Mühlenbächen.

Das dauerhafte Unwohlsein hinsichtlich der alles überwölbenden Themenkreise kommunistische Diktatur und Securitate im Schaffen Müllers kann die taz – stellvertretend für ihr juste Milieu – bis heute nicht abstellen. Darf man denn angesichts der Verbrechen der Nazis über so etwas überhaupt schreiben? Fehlt nicht der Verweis auf die andere menschenverachtende Großideologie? Müller bleibt diesen Verweis keinesfalls schuldig, doch ihre vita und ihre Chronik menschlichen Leids irritiert offenbar noch immer. Das diesem Leben eine solche Relevanz zugebilligt wird, befremdet viele echte oder selbstempfundene "Lehrer".

Nicht zuletzt diesem Umstand ist es zu verdanken, dass Frau Müller in Deutschland bisher relativ unbekannt ist. Gerade die Mehrheit der Germanistikstudenten wird noch nie von ihr gehört haben und auch in Zukunft keine Lust auf eine tiefere Auseinandersetzung haben. In Rumänien wird Frau Müller hingegen besprochen und gelesen. Seit 1989 ist auch ihr Thema im öffentlichen Diskurs sehr präsent.

Müllers Auszeichnung stellt aber auch in anderer Hinsicht eine Zumutung bereit: Eine Woche vor der Frankfurter Buchmesse unterwerfen sich deren Organisatoren in geradezu schändlich kriecherischer Manier den kommunistischen Zensoren aus Beijing. Diese redigieren völlig ungeniert die Textbücher der Messe, erzwingen die Ausladung von Dissidenten aus dem In- und Ausland. "Nachhilfestunden in Sachen Demokratie" verbitte man sich, so die Antwort auf die Anfrage der deutschen Gastgeber, ob man denn wirklich so streng sein müsse. Das reichte um die deutschen Verantwortlichen in ihre Löcher zurückzujagen.

In Frankfurt wird dem Publikum im Jahre 20 nach dem Mauerfall eine illustre Auswahl von kommunistischen Hofdichtern präsentiert. Kritische Geister werden aus- respektive eingesperrt. Die wahre chinesische Literaten und Künstler, welche sich die Wahrheit zum Thema nimmt, wird in den USA, in Hong Kong oder London bleiben. Vergangene Woche sagte auch der Künstler Ai Wie Wei seine Teilhabe frustriert und wohl unter immanentem Druck ab. Er liegt in München im Krankenhaus und erholt sich von einer Prügelorgie der kommunistischen Polizei.

Kunst bedeutet Zumutung und Provokation. Für die chinesischen Gäste bedeutet die Ehrung Müller beides, für die vergangensheitsvergessenen und gegenwartsblinden deutschen Gastgeber sicherlich auch. Peinlich muss die Ehrung Müllers auch für die deutschen Politik sein, deren Schweigen zu den Menschenrechtsverletzungen der KPCh in China, aber auch deren Kollaboration mit dem Regime in Sudan, schlicht weglächeln wollen. Sie sollten sich gut überlegen, Mülllers Ehrung zu großmäulig zu vereinnahmen.

Der Topos menschenverachtende Diktatur wird durch Müllers zu erwartende Omnipräsenz auf der Frankfurter Messe wider alle Erwartungen nun doch fassbar werden. Ein größeres Geschenk hätte die königliche Akademie uns und der Wahrheit kaum machen können. Man darf hoffen, dass das Nobelpreiskomitee sein bemerkenswertes Gespür für Relevanz und seinen kritischen Mut nicht einbüßt.