Dienstag, 28. Juli 2009

Bayern und Isländer

Am gestrigen Montag beauftragten alle 27 EU-Außenminister die EU-Kommission, das EU-Beitrittsansuchen Islands aus der Vorwoche zu prüfen. Man erwartet einen positiven Bescheid - unter Umständen sogar bis zum Jahresende.

Mit dieser Entwicklung sind - außer Russland, das Island günstig übernehmen wollte – eigentlich alle anderen relevanten Akteure recht zufrieden. Auch UK und Niederlande signalisierten trotz Ärger wegen verlorener Bankeinlagen Sukkurs.
Der Beitrittswunsch findet den Zuspruch der USA, der EU und aller Mitgliedsstaaten. Hierzulande freuen sich Kanzlerin, Außenminister, Grüne und Liberale. Alle sind sich einig: Der Beitritt des westlich-demokratischen Nato-Mitgliedes Island bedeutete eine sinnvolle euroatlantische Abrundung.

Protest kommt allein aus der Ecke der mittlerweile "üblichen Verdächtigen". Die CSU und ihr rasender General Dobrindt argumentieren geradezu erbittert gegen die gerade beantragte Mitgliedschaft des isländischen Brudervolkes in der Europäischen Union. Auch der stets eher opportunistische denn prinzipientreue Chef der CSU-Europaparlamentarier ist gegen die Aufnahme des Landes. Er möchte nur noch - die in Bayern zahlreichen und katholischen – Kroaten in die EU aufnehmen.

Die Argumentation aus München lautet, dass es doch schlicht unverantwortbar wäre, die Kosten eines isländischen EU-Beitrittes zu schultern. Die Empörung über größere Ausgaben mag man der sich selbst gegenüber doch recht freigiebigen CSU nicht ganz abnehmen. Zu oft hört man dieser Tage den markerschütternd lauten bayerischen Ruf nach Steuersenkungen, nach staatlichen und stattlichen Wahlgeschenken an Rentner, Bauern, Ärzte, Auto- und Atomindustrie. Auch aus Brüssel lassen sich die Bayern allzu gerne hohe Summen überweisen, ohne sich zu bedanken versteht sich. Die Stimme der strengen Haushaltsführung mag anders klingen als das Brüllen des bayerischen Löwen.

Viel eher als die gestrenge Haushälterei scheint ein ausgeprägter (europäischer) Futterneid die CSU zu plagen. Diese Geisteshaltung aus München kennen auch die ostdeutschen Bundesländer. Der Wunsch christlich zu teilen, nachdem man selbst Jahrzehnte die Hand aufgehalten hatte, ist in der christlich-sozialen CSU nicht gerade tief verankert.

Die Botschaft der CSU an das eigene Volk ist einfach: Das Boot ist voll! Egal, wer zu ertrinken droht, wir werden selbst nicht satt! Daher muss der riegel vorgeschoben werden durch bayerische Volksabstimmungen. Auch wenn es nicht gegen Döner und Burka geht. Die CSU schützt die Heimat auch vor der Überfremdung durch Ponies und Trolle.

Der CSU-Klamauk ist in seiner Schäbigkeit inzwischen selbst den bayerischen Beamten in der schmucken Landesvertretung in Brüssel und durchaus auch einigen MdEPs ein wenig peinlich geworden. In Brüssel gilt der Freistaat seit der CSU-Machtübernahme von Triple-S (Seehofer, Söder und Stoiber) nur noch als Totalausfall.

Die Haltung war absehbar und doch erscheint sie enttäuschend, denn Bayern und Isländer könnten eigentlich Freunde sein. Kaum irgendwo in der Weiten Europas finden die Bayern eine bessere Entsprechung Ihres Wesens und Seins als bei den geselligen Bewohnern auf der Insel im hohen Norden.

Beiden Völker leben in bestechend schöner landschaftlicher Umgebung mit reicher Natur. Zwar haben beide einen Gutteil davon ruiniert, aber das tut dem Stolz kaum Abbruch.

Beiden gefällt es, in einer Art selbst gewählter mentaler Isolation zu leben. Beide Länder werden aber von lebenslustigen, oft rotgesichtigen und eher gedrungen-kurzbeinigen Wesen bewohnt. Beide Völker erklären sich den ethnischen Ursprung trotz der putzigen Physiognomie mittels haarsträubender Germanenmythen, an die beide noch heute ziemlich ernsthaft glauben.

Isländer wie Bayern prahlen gern gleichzeitig mit Tradition und Stimmenstrenge, rühmen sich gleichzeitig aber hoher und breit gestreuter sexueller Aktivität sowie sagenhafter alkoholischer Exzesse.

Zumindest ein Teil des dialektischen Selbstbildes scheint in der Außenwelt zu verfangen. Demnn jährlich reisen abertausende Ausländer an, welche die peripheren Länder genau wegen ihrer tugendhaften Untugend als Touristen besuchen. Eigentlich mag man Fremde in beiden Gauen nicht allzu gerne, doch da diese Fremden Geld bringen und das nicht zu knapp, ist es ihnen unter strenger Kontrolle erlaubt, ein wenig Wissen um die Welt in homöopathischen Dosen ins Land bringen zu dürfen.

Tourismus ist in beiden Gegenden daher ein überaus relevantes Gewerbe. Landwirtschaft wird zwar auch noch betrieben, jedoch mehr aus Sentimentalität denn aus ökonomischen Motiven. Die Rechnung für den sinnlosen, aber dekorativen Gartenbau zahlt der Staat- im Falle Bayerns meist die EU.

Seit Jahren brummt aber in beiden Ländern eine andere Branche mit direkter staatlicher Beteiligung. Statt wie in den gepriesenen Vorzeiten Wildschweine zu schießen und Rüben zu ziehen, wurden die begabtesten Stammessöhne im Eismeer wie auf der bayrischen Hochebene zu Bankern.

Diese thronten – dem phänotypischen Idealtyp Alberich gleich – bis vor Kurzem gemeinsam mit den herrschenden Politikern der jeweiligen ewigen Staatsparteien auf beträchtlichen Goldschätzen.

Alles wäre so schön gewesen, doch irgendwann büssten die Schatztrolle den gesunden Menschenverstand komplett ein und verprassten einen erwähnenswerten Teil zum Schaden der öffentlichen Hand. In Island heißen diese betroffenen Institute Kaupthing und Landsbanki, in Bayern eben HRE oder Bayerische Landesbank (letztere hat 10 Milliarden an staatlichen Geldern absorbiert (Zwei Drittel der Freistaat, ein Drittel der Bund) und schüttet dieses Jahr trotzdem einmal wieder Millionen-Boni an ihre Manager aus).

In der Summe sind die Ähnlichkeiten zwischen den beiden drolligen Völkern demnach geradezu frappant. Nichts läge daher näher, als in Zukunft Feste gemeinsam zu feiern und Probleme gemeinsam zu lösen. Die Isländer sehen das inzwischen auch so. Warum nur kann die CSU auch diesmal das Zündeln mit dem günstigen Brennstoff der Ausländerfeindlichkeit nicht lassen.

Nun, Freundschaft hin und Wesensgleichheit her. Gefühlsduselei will man der CSU nicht nachsagen, doch geht die CSU diesmal - selbst für ihre Verhältnisse - in ihrem Furor zu weit? Trifft sie diesmal das selbst aus ihrer Sicht falsche Ziel? Es

Bayern und Isländer hätten echte Freunde werden können. Es gibt so viele sympathische Ähnlichkeiten, die für die Partnerwahl ja bekanntlich entscheidend sind. Wieso konnte das in der Staatskanzlei nicht erkannt und benannt werden, bevor bei Dobrindt wieder alle Lichter ausgingen? Man unterschätzte wohl die landeskundlichen Analysefähigkeiten des Europareferates der Bayerischen Staatskanzlei sträflich, wenn man ein Versäumnis annehmen würde.

Vielleicht stieß man bei der Untersuchung der vielen bajuvarisch-islandischen Gemeinsamkeiten nach anfänglichem Enthusiasmus ja einfach auf ein beunruhigendes Faktum: Die Isländer haben nach vier Jahrzehnten und einer Finanzkrise gewagt, ihre konservative und korrupte Staatspartei mittels demokratischer Wahlen zum Teufel zu jagen. Vielleicht kam die Staatskanzlei aufgrund der Überprüfung eben dieser Dynamik zu dem Ratsschluss, dass zwischen Bayern und Isländern nicht die geringste Ähnlichkeit besteht und Europareife nicht gegeben ist.

Island scheint für die EU eine noch größere Bereicherung zu sein, als man dies selbst in Reykjavík zu hoffen wagte.